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  • AutorenbildHilda Steinkamp

"Wenn ich durch den Body-Check am Flughafen gehe, schlägt der Alarm aus!"

Aktualisiert: 8. Okt. 2023

Wege durch Vietnam (2): Geschichte hautnah erlebt in den Củ Chi Tunneln

US-Napalm-Bombe "Agent Orange": 25% Wald zerstört, um Vietcong Tarnung durch dichten Dschungel zu erschweren

Auf meiner Bildungs-Promo-Tour durch Vietnam als Senior Expertin bin ich inzwischen 1700 km südlich von Hanoi in Ho Chi Minh City gelandet - verkehrstechnisch mit Vietnam Airlines ebenso wie kulturell durch authentische Berichte von Zeitzeugen wie Commander Tuần oder Chefin Phương im Bildungshaus der EI Group (Education and Investment: https://eigroup.vn).

Cầu Ba Son - 6-spurige Brücke in HCMC über den Saigon River, 2022 eröffnet
Die Củ Chi Tunnel

Es ist Sonntag. Das Bildungs-Business ruht, nicht so der ambulante und stationäre Verkauf auf den Straßen dieser geschäftigen 9-Millionen-Stadt. Mein Ziel: die Củ Chi Tunnel, ca. 90 km nördlich, in einem weitläufigen subtropischen Regenwaldgebiet am Saigon River gelegen. Im Vietnamkrieg (1955-1975) wurden sie strategisch von den Vietcong genutzt.

Unser Tour Guide Tuần ist Vietnam War Veteran, mit 20 Jahren dabei, mit 24 Commander einiger Hundertschaften, hat in den Tunneln von Củ Chi gehaust, lebensgefährliche Verletzungen erlitten, trägt Schrapnell-Teile noch heute unter Kopf- und Gesichtshaut.



"Der Alarm schlägt aus, wenn ich durch den Body-Check im Flughafen gehe", sagt er mit breitem Grinsen. Und mit erkennbarem Stolz auf seinen Einsatz fürs Land. Er hat überlebt. Mit sarkastischem Humor. Und die Sprache des Feindes von damals gelernt, ist Touristenführer geworden, macht damit ein Einkommen. Wenn nicht ER anschaulich und authentisch die Strapazen der Vietcong-Kämpfer darstellen kann, die mit Raffinesse, Todesmut, Entbehrungen und Durchhaltevermögen erfolgreich Widerstand gegen die Übermacht der US Army geleistet haben - wer dann?!


Tuần ist heute 77 Jahre alt. Und kein bisschen müde. Jeden Tag der Woche stellt er sich als Tour Guide dem Horror-Szenario von vor 60 und 50 Jahren.


Unterirdische Versorgung über den Saigon River (re) oder über Tunnelzugang nach Kambodscha im Westen, UN-geschützte Zone für US Army - Foto:https://de.m.wikipedia.org/wiki/Tunnel_von_Củ_Chi

Mit Tuần durch die schlammigen Waldgebiete von Củ Chi zu marschieren und unterirdisch durch die Tunnel zu kriechen - das ist eindrucksvoll bedrückend.

Von 40x50 cm für Vietcong auf 70x80 cm für Touristen ausgebaut

Warum er die Sprache des Feindes gelernt habe, frage ich ihn. "Musste überleben nach dem Krieg", knurrt er mir in seinem passablen Englisch entgegen - ohne Verbformen in der Vergangenheit ("When war over, I go to Ho Chi Minh City"), denn die kennt seine Muttersprache nicht; mit vietnamesischer Aussprache, die inzwischen Sympathiewerte in meinen Ohren weckt ("When Americans ro te bom"), denn "drop the bomb" geht nicht in der Muttersprache, die weder doppelte Konsonanten am Wortanfang kennt noch Schlusskonsonanten mag.

Könnte eng werden

Getarnte Einstiegsluke



"Booby traps" für die US-Feinde: Bamboo-Spieße unter Falltür






Größenvergleich
Ho Chi Minh & Ho-Chi-Minh-Stadt

In der Generation der 68er-Proteste in Westdeutschland aufgewachsen, aber zu jung um politisch zu verstehen oder aktionistisch mitzumachen, weiß ich von der Anti-Amerika-Welle, die die junge Generation damals auf die Straßen unserer Republik schwappte. "Ho-ho-ho-Chi-Minh" skandierten bärtige, langmähnige Jungmänner und BH-freie junge, weniger Jungfrauen auf ihren Protestmärschen durch deutsche Städte. Ich bin mir nicht sicher, ob es in den 1960er-Jahren bei vielen Mitläufern nicht eine Liebäugelei mit dem Kommunismus war, der ihnen eine vermeintlich bessere Alternative zu ihrer bundesdeutschen Gesellschaft vorgaukelte, die in verkrusteten Obrigkeitsstrukturen zu ersticken drohte. Die alten Zöpfe aus vorrepublikanischer Zeit wurden dank der zornigen 68er und rechtsstaatlicher Änderungen abgeschnitten. Ein notwendiger, gesellschaftlich belebender Rückschnitt - keine Frage. Auch die Sympathie für die Freiheitskämpfer des Vietcong - eine Solidarität, die ich teilen kann. Nur - wo blieb damals das geschichtliche Bewusstsein? Für den Einsatz der USA als einer jener sogenannten Siegermächte, die entscheidend dazu beitrugen, dass der Weg des mehrfach zerstörten Nazi-Deutschland in eine demokratische Zivilgesellschaft und revitalisierte Wirtschaftsmacht geebnet wurde.

Tunnel-Ambulanz

Der US-Marshallplan - eine ebenso wirtschaftliche wie politische Wiederaufbauhilfe, sicher nicht ohne eigenes Kalkül. Ohne einen starken deutschen Import-Export-Partner kein stabiles und friedliches Europa, kein Bollwerk gegen den Kommunismus.

Vietcong Schaltzentrale

Unser Grundgesetz ist auf dem Boden von Beratung und Kompromiss zwischen den Militärgouverneuren der Westalliierten und den deutschen Ministerpräsidenten gewachsen. Allen Grund, die konstruktive politische Begleitung der USA anzuerkennen.


Warum dann also diese USA-Feindlichkeit unter den 1968er-Sympathiesanten für Kriegs-Ikone Ho Chi Minh?! Blinde Verehrung für einen Massenmörder, zu dessen Ehren nach der Wiedervereinigung 1976 Saigon in Ho-Chi-Minh-Stadt umbenannt wurde? Mit genügend zeitlichem wie ideologischem Abstand entscheidet sich, als ich diesen Beitrag schreibe, im Oktober 2023 Österreich dagegen, ein Denkmal des umstrittenen Revolutionsführers in Wiens Donaupark aufzunehmen (https://www.meinbezirk.at/favoriten/c-lokales/stadt-wien-stoppt-denkmal-fuer-ho-chi-minh-im-donaupark_a2033887).

Heute zieht die Bronzestatue des Kommunistenpräsidenten als Fotomotiv meine ausgelassene Begleitgruppe junger vietnamesischer Deutschlernender an.












Je nach Perspektive der Kamera überragt das Denkmal das Rathaus in Ho-Chi-Minh-Stadt. Im französischen Kolonialstil erbaut war es Regierungssitz der Kolonialmacht im damaligen Saigon.

Im Schauspiel der untergehenden Sonne verbreiten beide Wahrzeichen der Stadt die Dramatik ihrer Geschichte.

Das Kunstlicht der Nacht mag für manch einen dem Gründervater Vietnams den güldenen Anschein eines Heiligen verleihen. Auch fünf Jahrzehnte nach seinem Tod (1969) zieht sein Glassarkophag im Hanoier Mausoleum noch Anhänger an.


Zwei unterschiedliche Gesellschaftssysteme politisch zu integrieren, dieser Spagat bleibt bis heute in Vietnam lebendig. Und hat den Exodus von ca. einer Mio. Vietnamesen (1975-1995) unter dem traurigen Begriff der Boat People in die Geschichtsbücher (nur des Westens?) geschrieben. Nord-Süd-Dissonanzen leben in der Vietnam-Bevölkerung fort, wenn auch gemäßigt. Unsere Ost-West-Identität trägt ja auch über 30 Jahre nach der Wiedervereinigung noch diverse Operationsnarben.

Ein paar Schritte weiter entlang der Prachtstraße Đ. Nguyễn Huệ entdecke ich noch einen historischen Zeugen: das Rex Hotel Saigon. Hier wurden während des Krieges Pressekonferenzen des US-Militärs abgehalten. Unter dem klangvollen Decknamen Five O'Clock Follies ("Teezeit-Torheiten") wurde über gegnerische Verluste, besiegte Ortschaften und erbeutete Waffen in Fantasiezahlen berichtet - Propaganda für die heimische Front. Enthemmtes Töten tagsüber, enthemmtes Treiben der Offiziere am Abend in den Sälen des Hotels.

Mit Five O'Clock Follies wirbt das Rex Saigon heute fürs Schnäppchen-Trinken vor und nach dem Sonnenuntergang - ein spaßiger Cocktail-Genuss, ein geschichtsloser Zeitvertreib.


Hier auf dem Rooftop versammeln sich Happy-Hour-Gäste auf einen lifestyle drink und für einen abgehobenen Blick hinunter zum kontrollierten Gewusel auf den Verkehrswegen der rush hour (mit dem Pfeil > rechts geht's rauf aufs Rooftop):




Nord- / Südvietnam in aller Kürze

Der Fall Vietnam liegt anders als die Situation in Nachkriegsdeutschland. So scheint es mir - aus meiner frischen Anschauung des Landes und nach meinen Gesprächen mit Vietnamesen, die im oder nach dem Vietnamkrieg geboren wurden. Hier in Südostasien hatten die USA als selbsternannte Wächter der Weltordnung das starke Eigeninteresse - in Zeiten des Kalten Krieges -, mit Südvietnam als Kopie eines westlichen demokratischen Staates einen Stützpunkt gegen die kommunistischen Großmächte UdSSR und China zu schaffen. Gleich nach Ende der französischen Kolonialära (1954) spaltete sich das Land in ein kommunistisch regiertes Nordvietnam (mit Hanoi als Hauptstadt und Ho Chi Minh als Präsident) und eine Militärdiktatur Südvietnam (mit Saigon als Hauptstadt). Blutige Kämpfe des Nordens mit seiner Nationalen Befreiungsfront zielten auf eine Wiedervereinigung beider Landsteile unter kommunistischer Herrschaft.


In dieser Zeit wüten Anhänger auf Befehl Ho Chi Minhs gegen die eigenen Landsleute im Süden. Es kommt zur Massenvernichtung von Zivilisten. Ab 1964 greifen die USA auf der Seite Südvietnams in die Auseinandersetzungen ein, um die Ausbreitung des Kommunismus in Südostasien aufzuhalten. Der Krieg geht 1975 zu Ende: triumphal für den kommunistischen Norden, unrühmlich für die USA und schmerzhaft für Südvietnam.

Jung und Alt im heutigen Vietnam

Mit Phương Tran, Managerin am Standort HCMC der EI Group, wird die Mittagspause zum Kulturaustausch. Das frische Essen vom Caterer muss warten.

"Meine Eltern waren Kinder gegen Ende des Krieges. Sie haben viel erzählt. Unsere Generation hält sich aber aus der Politik heraus", positioniert sich Phuong aus dem Geburtsjahr 1995.

Übrigens in einem lupenreinen Deutsch, das sie an der Universität Hanoi gelernt, in mehrjährigen beruflichen Aufenthalten in Deutschland verfeinert hat und in ihren Deutschkursen täglich aktiviert. "Solange wir unsere Freiheiten haben, unseren Beruf, unsere Ehepartner, unsere Reiseziele frei wählen und unsere Meinung frei äußern können ..." Regierungsthemen ausgenommen?", wage ich einen schnellen Einwurf. Sie zwinkert mir vielsagend zu. Bingo - Tabuzone! "Solange kümmert es uns nicht", fährt sie fort, "welche Art von Regierung wir haben. Und wir haben Frieden geschlossen mit unseren ehemaligen Feinden." Doch auch sie weiß von ihren Eltern in einem Dorf im kommunistischen Norden Vietnams, wie die Zivilbevölkerung in ihren Häusern und Krankenhäusern, selbst bei der Arbeit auf den Reisfeldern durch US-Bomben zu Tode kamen. 2 Mio. getötete Zivilisten bei 1 Mio. gefallener Soldaten. "Die Moral der Guerillas sollte durch - wie heißt das auf Deutsch, wenn viele Bomben fallen?" "Beschuss" biete ich an. "... also durch Bombenbeschuss", ergänzt sie mühelos zum Kompositum, "geschwächt werden", so schätzt sie die militärische Absicht der US-Truppen ein. Und trotzdem: für sie gilt Vergebung statt Vergeltung.


Unversöhnlicher scheint Kriegsveteran Tuần zu bleiben. In seiner Schilderung der erlebten Kriegszeit so beredt, bleibt er stumm, als ich mich als Westfrau aus Europa oute und ihm gegenüber bekenne:

"Ich verstehe hier mehr als aus der europäischen Distanz und nach deinen Geschichten, dass ihr euch vehement gegen die Invasion der Amerikaner gewehrt und ihren Zwang, Demokratie als Staatsform zu übernehmen, abgelehnt habt. Wahnsinnige Kriegsgräuel: Langzeitschäden für Menschen, Pflanzen und Böden durch Herbizide aus US-Bomben, erblindete und lungenkranke Vietcong, mit fürchterlichen Haltungsschäden, als sie nach jahrelanger Dunkelheit im Tunnel am Kriegsende ans Tageslicht kamen!

Aber ich als Nachkriegs-Deutsche sehe es so: Die USA haben uns von Nazi-Deutschland befreit. Zu einer freien Lebensform in einem demokratischen Rechtsstaat verholfen. Beides kann ich trennen - die militärische Rolle der USA bei euch in Vietnam und ihre Wiederaufbauhilfe bei uns in Deutschland."

Ich weiß nicht, warum Tuần dazu schweigt. Sicher nicht, weil ihm ein paar englische Wörter fehlen. Informationsbremse als Selbstschutz? Doch keine Bewältigung der Vergangenheit?


Er hält mir ein weiteres seiner Originalfotos entgegen: US Soldaten versuchen per Peilsender an den getarnten Luftlöchern für die Tunnel (sein linker Fuß steht auf einem) Geräusche von Vietcong aufzufangen, um anschließend ihre Granaten gezielt einsetzen zu können. Und dann spricht er doch noch: "Bu te Viecon tey no ta" - "Aber die Vietcong sprachen nicht" unterirdisch!

"Du sagst immer 'Vietnam-Krieg'", wendet Phương im Mittagsgespräch ein. "Wir sagen hier, es war eine Verteidigung, WIR wurden angegriffen durch die USA und haben unser Land verteidigt." Aber auch, dass sie keinen Groll mehr hegen gegen die einstigen Aggressoren. Englisch wird neben Deutsch als Fremdsprache angeboten, um jungen Vietnamesen eine internationale Chance auf eine gute Ausbildung und auf dem Arbeitsmarkt zu bieten.


Warum sie aus gut dotierten Jobs in Deutschland wieder in ihr Heimatland zurückgekehrt sei, werde sie oft gefragt. Doch eine größere Liebe zum kommunistischen Einparteienstaat Vietnam, vermute ich. "Sicher nicht!", protestiert Phương. "Aber in Deutschland wurde es langweilig für mich. Einsam. Ich hatte keine Verwandten dort, keine Freunde. An Wochenenden und an christlichen Feiertagen blieben alle Deutschen unter sich."

Und dann führt sie mich zur Landkarte Vietnams. "Wir sind nicht gut zu sprechen auf die kommunistischen Großstaaten um uns herum. China zum Beispiel reklamiert diese kleinen Inselgruppen für sich. Sie gehören aber seit über 1000 Jahren zu uns. Es gibt da Ölvorräte und sie sind gut als militärische Stützpunkte geeignet."


Und Russland? "Na, die wollten uns im Krieg auch militärisch unterstützen, um uns als Bruderstaat zu gewinnen, und verfeindeten sich mit China."


"Vietnam ist wie eine schöne Frau: Jeder will sie haben!"

So schließt Phương lachend ihren Impuls-Vortrag über ihr Land ab.

Und schön ist sie selbst. Mit ihren 28 Lenzen eine strahlende Frau mit deutlich jüngerem Aussehen, ohne erkennbare Zeichen des frühen Alterns auf ihrer faltenfreien, reinweißen Haut.


"Ihr Europäerinnen liebt die Sonne. Und legt euch rein. Stundenlang", lacht sie. "Wir meiden die Sonne und suchen die Kühle der Klimaanlage. Die beste Erfindung seit dem Auto!"

Jetzt ist eh nix mehr zu retten, denke ich betroffen zurück an meine vergnüglichen - und nie bereuten - Strandbesuche an den Küsten von Mittelmeer, Atlantik und Pazifik. Schon als Studentin. Also ein gefühltes halbes Jahrhundert lang. Interkultureller Austausch - über die West-Ost-Einteilung der alten Weltordnung hinweg und auch in diesen körperästhetischen Randzonen - sollte schon bei Teenies anfangen. Späte, traurige Einsicht! Aber besser spät als nie, beruhige ich meine reifende Körper- und Seelenkultur.


Und eile zu einer kompensatorischen Yoga-Session mit Dào - begnadeter Personal Trainer. Schon während seiner tastenden Bemühungen geht mir der verborgene Sinn der "brennenden" Sitzung auf: Fire - so heißt die gebuchte Yoga-Variante.


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