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  • Hilda Steinkamp

Auf Schwalbes Schwingen

Aktualisiert: Sept 30

Ausfahrt der Motorrad-Oldies von Caputh nach Zossen

Boxenstopp in Trebbin

10:00 Uhr. Der Himmel am 18. September 2021 ist gräulich, der Anlass erfreulich, als auf dem Parkplatz an der Michendorfer Chaussee in Caputh Motorradfreaks auf ihren betagten, aber top gepflegten und dynamischen Zweitaktern einfahren. Von Schwielowsee über Potsdam und Ludwigsfelde bis Zehlendorf reicht der Radius der Fangemeinde. Ein paar Frauen, ein paar mehr Männer versammeln sich hier, 17 an der Zahl, in jungem bis fortgeschrittenem Alter, Väter und Töchter, Einzelgänger, Freunde, 20- bis 89-Jährige mit einem gemeinsamen Drive:

Bei einer "Marschgeschwindigkeit zwischen 45 und 50 km/h", so heißt es später vor der Abfahrt, den Sound der Freiheit und die Nähe der Mannschaft (inkl. Frauen) genießen. Und vor allem "ein paar Stunden blaue Luft: 2-Takt-Duft!"


Die Interessen-gemeinschaft (IG) Oldtimer Schwielowsee mit Capo Christoph Korneli aus Caputh hat die Trommel gerührt für die letzte Ausfahrt in dieser Saison. Zwei Ausfahrten pro Jahr auf 50ccm-Mopeds sind Tradition seit 2014. "Wir sind ganz verrückte Leute", stellt il Capo ebenso lakonisch wie anerkennend fest, offensichtlich das Einstiegsticket für die Oldtimer-Gemeinschaft. "Viel gemeinsam fahren, immer Pannen erleben unterwegs, Mopeds wieder flott machen, auch provisorisch, irgendwie kommen wir immer ans Ziel und zurück. Das ist der Geist unserer IG!"

Von Simson lerne ich aus der DDR-Vogelserie die Schwalbe in Knallfarben kennen:

Savannengelb, Billardgrün, Olivbeige, Atlantikblau, Saharabraun, Pastellweiß. Die Baureihenbezeichnung KR 51, so erklärt mir Oli, steht für KleinRoller, 5 für den Hubraum von 50 cm³, 1 ist das Nachfolgemodell des Vorgängers von 1958.

Hergestellt wurden die zweisitzigen Schwalben (neben Spatz, Star, Sperber, Habicht) in der DDR von 1964-1986, einsitzige Modelle schon ab 1958. Mit 6 Millionen Rädern war Simson der größte Zweiradhersteller in Deutschland. Fahrbar waren die Modelle schon ab 16 Jahren und wie alle Zweiräder die kurzfristig lieferbare und systemrelevante Mobil-Alternative zum PKW in der DDR. Nicht unbedingt ein Fluchtfahrzeug: Die Höchstgeschwindigkeit war auf 60 km/h begrenzt.

Olis Schwalbe trägt den Zusatz 1K, das ist die Komfortvariante mit mehr Stoß-dämpferleistung und besserer Boden-haftung, am heutigen Nieseltag keine schlechte Wahl, dazu ein überarbeiteter Motor mit sage und schreibe 3,6 PS. Sein blitzblanker Vogel ist einer aus den Produktionsjahren 1974-1980, sein Nest ist bei Oli in Potsdam.


Die Simson Habicht von Bernd Uwelius aus Caputh verbirgt sich wie sein gefiedertes Vorbild in Tarnfarbe unter den bunten Schwalben und hinter dem feuerroten Jawa 50 Mustang von Christoph Korneli.

Ostlegende Altmodisch und mit markan-tem Design - die Schwalbe ist zum Kult-fahrzeug geworden, wie die Vespa in Italien, im Westen sofort nach 1990, dann auch in ihrer Heimat im Osten. 2015 gab es ca. 150.000 zugelassene Schwalben im Straßenverkehr in Gesamtdeutschland.


Nostalgie vorbei - klare Ansagen von Christoph Korneli und dem Nachwuchs-Chef-Talent Tim Promnitz zur heutigen Ausfahrt:

Tim: "Unser Ziel ist heute der Wasserskipark in Zossen, 55 km eine Strecke, das schafft jeder. Zwischenstopp machen wir in Trebbin. Marschgeschwindigkeit wie immer 45/50 km/h. Überholen gibt's nicht, bleibt schön hintereinander und haltet Abstand. Wenn einer an 'ner, sagen wir mal, doofen Stelle liegenbleibt, fahren die anderen weiter bis zu 'ner besseren Stelle. Und draußen in der Gastronomie, Corona-Abstände beachten, wir wollen ja nicht negativ (!) auffallen. Klar?!"


Christoph: Für alle Fälle fährt ein Transporter mit, Krystina Kauffmann [89-jährige promovierte Caputherin!] ist am Steuer, ihre Freundin neben ihr, das ist unser Abschleppdienst, falls einer liegenblieben sollte."


Oli: Und fahrt besser nicht in einer Reihe, die Autos können uns sowieso nicht überholen, sondern versetzt nebeneinander, nehmt die ganze Straßenfläche ein."


Tim & Christoph: Jawoll!

10:30 Uhr. Die Oldie-Kolonne formiert sich, verlässt im Schritttempo den Platz und hinterlässt die ersehnte Duftwolke. Der Nieselregen hat aufgehört. Es beginnt eine entspannte Tour bei passiver Fahrweise in zünftiger Kleidung, mit angesagten Integralhelmen und Retro-Jacken, die zum Baujahr (der Räder wie der meisten Fahrer ;-) passen.

Eine grasgrüne Honda fädelt sich ein, auf der Michendorfer Chaussee schließen sich noch fünf andere Westklassiker aus dem befreundeten Zehlendorfer Zweiradlager an: darunter DKW, BMW, Victoria ... Die 2-Takter-Mannschaft wächst auf 22 Teilnehmer an.

13:00 Uhr: Ziel Zossen erreicht. Die flottere Mobilität im nassen Element des Wasserskiparks ist keine echte Konkurrenz für geerdete Asphaltfahrer. Aber einen Augenblick der Bewunde-rung wert. Der Rückweg lenkt zurück ans eigene Lenkrad.


14:30 Uhr. Ankunft in Caputh. Ausfahrtsaison 2021 zu Ende. Ohne Zwischenfälle. Zum Glück. Ohne Sensationen. Auch kein Unglück. Der Weg war das Ziel!

Ausblick auf 2022: The Schwielowsee biker tour will go on!


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