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  • AutorenbildHilda Steinkamp

Helden im Krieg und Kino

Aktualisiert: 6. März 2023

Ukrainer, Afrikaner, Araber - raus dem Integrationskurs und rein in die Potsdamer Kulturszene

In unserer Sprachenschule

bbw in Potsdam wird umgebaut - Räume für den neunten, zehnten Integrationskurs seit Beginn des russischen Angriffskriegs und für eine wachsende Verwaltung sollen entstehen, Plätze für weitere geflüchtete Menschen, mehrheitlich aus der Ukraine, aber auch aus anderen Brennpunktgebieten in afrikanischen und arabischen Ländern.


Wir ziehen um

am 15. Februar 2023, für die Dauer eines sonnigen Nachmittags. Raus aus dem Bildungshaus der Wirtschaft (bbw) und hinein ins Kulturangebot der Stadt. Nicht alle KursteilnehmerInnen konnten oder wollten mitkommen. Der erste Jahrestag des Ukraine-Krieges naht, die Fotoausstellung in der Stadt- und Landesbibliothek in Potsdam zum russischen Angriffskrieg ist schweres Geschütz, andererseits so suggestiv in Szene gesetzt, dass wir uns dem visuellen Entsetzen nicht entziehen können. Und die Augen öffnen wollen für die Funken Hoffnung in den Kriegsbildern.

Wir treten ein ins Foyer

Die Foto-Impressionen vom Ausmaß der Zerstörung in der Ukraine reichen

  • von einer zerborstenen Puppe über entgeisterte Kindergesichter auf Trümmerspielplätzen,

  • Häuserruinen mit ausharrenden Hofhunden und stoisch alten Menschen vor dem geretteten Erinnerungsschatz ihres Lebens,

  • ruinöser Infrastruktur mit widerständig flatternder Ukraine-Flagge unter aschgrauem Himmel

  • sowie dem symbolisch per Kopfschuss in ein Dichterhaupt vernichteten Kulturbetrieb

  • bis hin zum unverdrossen lebendigen Körperspiel von jugendlichen Akrobaten und Karatekampfspielern inmitten von Schutt und Asche

  • und tätowierten wie sportlich unentwegt aktiven jungen Hoffnungsträgern, die durch die bombardierte Stadtlandschaft radeln.

Hier geht's mit meinem Deutschkurs durch die ebenso verstörende wie aufklärende Bilderwelt der ukrainischen Fotokünstler Mykola Synelnikov, Igor Zakharenko und Mikhail Plainchak. Die Schirmherrschaft der Ausstellung "Slawa Ukrajini - Ruhm der Ukraine" liegt bei Pete Heuer, dem Vorsitzenden der Stadtverordnetenversammlung Potsdam. Bitte mit dem Pfeil > am rechten Bildrand durch die Ausstellung klicken:

Wir sind ein schreibender Deutschkurs

Schon seit September 2022. Einen Tag vor unserer Exkursion haben fast alle im Test das Sprachniveau A2 erreicht. Noch ein Grund, heute mal auf alternativen Wegen durch die deutsche Gesellschaft zu ziehen. Wer vor den Fotowänden in der Bibliothek einen Wunsch, eine Hoffnung hat oder sein Entsetzen zu Wort bringen will, findet Stifte und Karten für eine kurze persönliche Mitteilung. Das geht zweisprachig (Mr. Google springt mit ein paar Wörtern ein) und nicht ohne erstickte Tränen in blanken Augen (per Pfeil > rechts):

Wir hören Svitlanas Geschichte zu

- Firouz und ich -, während ihre traurigen Augen zwischen der Ukrainekarte, dem Fotospeicher auf ihrem Handy und aktuellen Kriegsberichten aus ihrer Heimat hin- und herschwirren.

Svitlana Hier: meine Stadt, Bila Tcerkva. Firouz Bei Kiew? Svitlana Ja, Kyiv Region. Firouz Was ist da? Du hast gewohnt da? Svitlana Nein, nicht wohnen. Wir haben da zwei Wohnung, eine Wohnung mit 2 Zimmer für meine Mutter, Iryna. Meine Wohnung, 3 Zimmer, mit 2 Balkone. Schöne Türen. Guck, ich habe Foto. Firouz Oh ja, sehr schön, alles neu.

Svitlana Ja, haben gekauft, vor Krieg. Hier gegenüber - schönes Haus, groß, rot.







Und hier: Ich bin in meine Wohnung am Fenster, gucke, draußen, alles schön. Große rotes Haus.


Aber dann Krieg. Und guck mal, jetzt alles kaputt. Auch das große rotes Haus gegenüber.











Firouz Schrecklich. Das tut mit sehr leid, Svitlana. Und deine Wohnung ist auch kaputt? Svitlana Nein, nein, nicht kaputt. Aber ich habe nicht geschlafen in neue Wohnung. Firouz Und jetzt - die Wohnung ist leer? Svitlana Ja, leer. Krieg war schneller. Ich bete jeden Tag: Krieg weg.


Ja, Deutschland ist ein sicherer Hafen

für unsere geflüchteten Menschen. Vielleicht sogar auch in Zukunft. Junge Singles, Frauen wie Männer, finden hier in Potsdam oder im ethnischen Mix von Berlin in Szenekreisen ihre Partner und Partnerinnen, können sich vorstellen zu bleiben, Deutsch weiter zu lernen, auf den Sprachniveaus B2 oder auch C1, dann eine Ausbildung oder ein Studium zu machen, auch eine Familie zu gründen. Liebe lässt sich nicht lokalisieren. Lebensentwurf auch nicht. So verstehe ich sie. Liebe ist stärker als die ethnischen Wurzeln in ihrer Heimat. Das sind Ambitionen der jungen Generation, mit dem Mut flexibel, aber nicht traumverloren ihre Zukunft auch anderswo zu gestalten. Doch die etwas Älteren wie Svitlana und ihre Mutter erfasst die Sehnsucht nach ihrem Ursprung und die Entschlossenheit zum Wiederaufbau ihres geschundenen Landes:

Kontrastprogramm Kino

Ein befreiender Spaziergang durch die unverhoffte Februarsonne ist der Übergang zum anderen Ende - nicht der Stadt, aber des Kulturprogramms auf unserer Exkursion.

"Der gestiefelte Kater", herrlich synchronisiert mit einem sympathischen osteuropäischen Akzent, war sicherlich nicht "Der letzte Wunsch" meines Kurses nach einer verdienten Relaxzeit - nach Klausur und Krieg und Katastrophen in den Meldungen des Tages.

Bildgewalt und Animation in diesem Film ab 6 Jahren arbeiten den wachsenden, aber doch noch überschaubaren Sprachkenntnissen meiner Gruppe zu. Sie wollten dieses Genre. Und das Märchen. Wir sind fast die einzigen Nachmittagszuschauer im Kinosaal. Wiedererkennendes Lachen konkurriert mit der lauten Beschallung des Films, sobald bekannte Wörter und Wendungen auftauchen: "nach Hause", "ich will eine eigene Familie", "Teamarbeit", "Mist", "Pech", "so ein Glück", "ich hasse dich", "ich liebe dich", "ich habe keine Lust", "mir doch egal", "so was esse ich nicht", "Hund, Kater, Katze, Bär", "Mama, du hast Recht", "Attacke", "Sieg".


Aber ganz schön martialisch geht's her in diesem US-Animationsfilm von 2022.

Kater, der stolze Rebell, begibt sich auf die Suche nach dem Wunschstern, trifft dabei eher zufällig auf Katzenfrau Samtpfote, eine früher verlassene Liebe, und Therapiehund Perro. Kater und Katze vereint durch ichsüchtiges Vorteilsdenken. Der magische Stern soll dem Finder, wenn nicht ewiges, so aber doch verlängertes Leben bescheren. Dem Kater die acht bereits verlorenen Leben - seinem Draufgängertum geschuldet - von legendären neun Katzenleben. Die Widersacher des ungleichen Paars mit anhänglichem Hund treten in Kohorten auf, darunter ein blutrünstiger und territorialsüchtiger, natürlich böser Wolf. In wilden Fluchtbewegungen durch eine höllisch verwüstete Landschaft und nach jeweils kurzzeitiger Gefangenschaft in verschiedenen Feindeslagern überwinden Kater und Freunde diverse Hindernisse: durch Kampfstrategie, Schläue, Geschicklichkeit, Durchhaltevermögen, Teamarbeit und Verzicht auf konkurrierende Eigeninteressen.

Das Zueinanderfinden im Team Kater, die Versöhnung mit dem gegnerischen Team Bär, der grollende Rückzug des überraschend doch noch minimal vernunftbegabten bösen Wolfs - das sind Harmonieangebote in einer Scheinwelt und so gewollt von einer kommerziell geprägten Filmindustrie. Menschen lieben die Illusion, nicht nur in Krisenzeiten. Heil gewordene Welt füllt die Kinokassen.


Die geflüchtete Menschen in meinem Sprachkurs sind kulturell geprägt und durchschauen die Fiktion der Kater-Geschichte, mögen vielleicht Parallelfiguren und -handlungen im Film auf ihre traumatisierte jüngste Vergangenheit beziehen und dies als aufwühlend empfinden.

Dennoch - der Unterhaltungseffekt überwiegt. Sie genießen ihre Auszeit von Kurs und Krieg, schätzen den Komfort der UCI Kinokette, auch Popcorn und davor Pizza als kulinarisches Glücksversprechen - und werden morgen wieder mit Heft und Buch, mit Stift und Handy und einem Lächeln in den Kursalltag einziehen. Und mit aufgeladenen Energiespeichern für die nächste Etappe auf ihrem Weg in die Integration.



*****

Fotoausstellung

"Slawa Ukrajini - Ruhm der Ukraine"


07.02. - 04.03.2023

10 - 18 Uhr

Ort: Foyer

Stadt- und Landesbibliothek Potsdam

Am Kanal 47

14467 Potsdam


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