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  • crystalcove15

Naturfreak und Menschenfreund - Shyam Wuppuluri in Caputh

Mit dem Einstein-Stipendiaten 2021 über Stock und über Stein

Shyam Wuppuluri im Caputher Wald an Einsteins Sommerhaus

Nach unserem Interview im Bürgerhaus Caputh (s. meinen vorhergehenden Blog-Beitrag: "Caputh hat einen neuen Einstein-Stipendiaten 2021 - Shyam Wuppuluri") ziehe ich mit Shyam über die Dorfstraßen bis hinauf zu seiner Herberge im Einsteins Gartenhaus und weiter auf den waldigen Hügel oberhalb.


Wie so oft, ist auch hier der Weg das Ziel. Gedanken begegnen sich - über Christentum, Hinduismus, Shakespeare, persönliche Wendepunkte und West-Östliches mehr.

Shyam schiebt sein Fahrrad langsam über das Kopfsteinpflaster, hält inne vor der typischen Backstein-Architektur der Caputher Häuser.

Seine Begeisterung schwankt

zwischen Alt und Neu und Saniert.

Ihn spricht das Fortleben des Gestern im Heute an.


In unserem Dorf-Gespräch erinnert Shyam mich immer mehr an Shakespeare, der in so jungen Jahren schon tiefe Einblicke in die menschliche Natur gewonnen hatte: Ehrgeiz, Macht, Verrat, gesellschaftliche Beziehungen, Liebe. Seine Dramen und Gedichte - so unglaublich dicht an Erfahrung mit Menschen, in ihren Höhe- und Tiefpunkten.


"Umso mehr hat mich die Shakespeare-Forschung erstaunt," empört sich Shyam, "als sie nachweisen wollte, dass Shakespeare unmöglich all dieses Wissen und diese Weisheiten in seinen Werken selbst erworben haben konnte."


"Und über sein Bewegungsprofil, so würde man im Google-UPS-Zeitalter heute sagen," nehme ich seinen Gedanken auf, "herausfinden wollte, dass Shakespeare nie eine Reise nach Venedig unternommen hatte, bevor er das Stück Der Kaufmann von Venedig schrieb."


"Er hatte nur wenig Schulbildung, doch man kann sich vieles selbst erarbeiten, als Autodidakt", gibt Shyam Entwarnung. "Das hab ich Ihnen ja schon im Interview erzählt, aus meiner eigenen Schulzeit. Es zählt doch der künstlerische Wert von Shakespeare Werken, ihre kulturelle Wirkung."


Der Mann ist ja unglaublich gut informiert! Denke ich und sage es ihm. Dieser ungeheure Impuls, sich mit dem Wissenswerten, besser: Bildungswerten in der westlichen Welt zu vernetzen! Die Debatte um Shakespeares Autorenschaft kochte in der westlichen Welt in den frühen Nullerjahren wieder hoch. Da war Shyam quasi noch ein Baby - im wissenschaftlichen Sinne.

Wir sind an Einsteins Sommersitz angelangt. Hausherr Shyam schließt das Gartentor auf. Das freut ihn jedesmal sehr, seine Schlüsselgewalt, sein eigenes Reich hier oben öffnen zu können, fernab des dörflichen Trubels. Ein Refugium.


Foto Shooting ist angesagt. Ich finde, Shyam passt in dieser Location wunderbar ins Bild:


Der Weg führt uns weiter durch Einsteins Forst auf den Hügeln oberhalb seines Hauses. Hier verrottet Fallholz wie im Urwald, ohne Eingriff durch ordnende forstwirtschaftliche Hände. An anderer Stelle waren Holzfäller zu Jahresbeginn am Werk und haben industriefähige Holzstämme ordentlich zur Lagerung gestapelt.



Andere Waldläufer begegnen uns: Hunde und Herrchen, ältere Paare im Dauerfreizeitmodus, ein Arbeitsleben längst abgeschlossen. Derer gibt es viele in Caputh. Sie alle wünschen uns freundlich einen guten Tag.


Shyam strahlt. Und wird nachdenklich: "Das erlebe ich nicht so oft, dass Leute in Potsdam und Berlin mir freundlich begegnen", bekennt er schlicht.


Social distancing - gesellschaftliche Distanzierung?! Das hat vielleicht etwas mit Corona zu tun? Das wäre die akzeptablere Erklärung. Oder mit der Unvertrautheit der Einheimischen mit Menschen aus anderen Kulturkreisen, mit einer sichtbar anderen Ethnizität?


Doch Shyam spricht voller Wohlwollen: "Im Grunde ihres Herzens sind Deutsche mitfühlend. Einige haben sich sogar intensiv über meine Kultur und Gewohnheiten informiert und haben alles dafür getan, dass ich mich hier wohlfühlen kann. Ich bin so dankbar für so viel Menschlichkeit, die ich in Deutschland erfahre."

Und dann kommt Shawn regelrecht ins Schwärmen: "Diese deutsche Vorliebe für Veganes und ihr Umweltbewusstsein! Das hab ich in dieser ausgeprägten Form noch nirgendwo erlebt." "Wo gehen Sie einkaufen?", will ich wissen. "Bei Rewe natürlich. Da gibt es so viele vegane Lebensmittelalternativen in den Regalen! Ich bin ja auch Veganer. Und die Leute hier leben zunehmend ernährungs- und umweltbewusster."

Wir halten inne im Wald. Und schalten vorübergehend wieder in den Interviewmodus.


Können Sie sich eine kulturelle Brücke zwischen Caputh und Ihrem Heimatort in Indien vorstellen?

Oh ja, sehr sogar. Deutschland und die Deutschen schätzen Geschichte, Kulturen und ihre Errungenschaften sehr. Da meine Heimatstadt im Süden Indiens über ein reiches Erbe an alten Texten verfügt, kann ich mir vorstellen, dass es Deutsche auch interessieren könnte.


Was können wir Deutschen machen um uns Menschen aus anderen Ländern noch mehr zu öffnen? Sie als anders und doch liebenswert aufzunehmen?

Ich denke, viele Deutsche sind schon sehr aufgeschlossen gegenüber Menschen aus anderen Kulturkreisen, besonders die jüngere Generation. In Indien lernen wir ein Gebet aus dem Sanskrit, unserer alten Kultursprache, das wir jeden Morgen aufsagen: अतिथिदेवो भव: Atithi (guest) devo (God) Bhava (Is). Das bedeutet: Wir sehen die Gäste in unserem Haus als Götter an. Dadurch erhält der Gast die höchste Priorität. Wenn auch nicht alle Inder diesem Brauch folgen, die meisten Inder in den ländlichen Gegenden tun dies und behandeln alle Gäste wie Könige, trotz ihrer Armut.


Mir persönlich hilft es, wenn ich allen, denen ich begegne, als meine Geschwister ansehe. So vergesse ich nicht, dass unsere Mitmenschen auch Familien, Wünsche, Sorgen und Leiden haben wie wir selbst. Das bringt uns zusammen. Es gibt keine höhere Religion als den Glauben, dass wir alle Brüder und Schwestern sind.


Und noch etwas: Wenn wir anderen tief in die Augen schauen, können wir gar nicht anders, als Sympathie, Mitleid für sie zu empfinden. Niemand kann einen anderen Menschen töten, während er ihm in die Augen schaut. Augen sind die Fenster zur Seele. In den Augen anderer spiegeln wir uns selbst wider. Also: putzen wir die Gläser unserer Herzen, indem wir unsere falschen Vorstellungen und Vorurteile entfernen.

Nun wage ich sie doch noch, die allerletzte Frage, die gerade auch meine jüngeren Leserinnen und Leser interessieren könnte:


Mit all dem, was Sie ausmacht, Shyam: wissenschaftliche Leistung, internationale Vernetzung mit herausragenden Wissenschaftlern, persönliche Ausstrahlung, gutes Aussehen und Ihre "liebenswürdige Freundlichkeit" im Umgang mit jedermann - Sie sind doch sicher eine gute Partie für die Ladies?

(c) Medien von WIX

Oh, wie liebenswert von Ihnen, das so zu sagen! [Schaut erfreut, dann besinnlich] Ich habe erkannt, dass es leicht ist, andere Menschen zu beeindrucken. Aber zusammen zu leben und einander zu lieben, das hat mit Eindruck machen wenig zu tun. Liebe bedeutet nicht nur duftende Rosen zu bekommen, sondern auch die schmutzigen Socken des Partners nach dem Sport zu ertragen. Dafür kommen nur wenige Menschen in Frage.


Ich bin in Indien großgeworden und habe gelernt, eine Partnerin zu suchen, die sich um mein Essen und meine Einsamkeit kümmert. Von klein auf war mir klar, dass es in einer Katastrophe für beide enden würde, wenn ich mich einer Frau mit einem Buch voller Regeln und Erwartungen nähern würde. Heutzutage haben wir zu viele Wahlmöglichkeiten und wir meinen, immer eine noch "bessere" Partnerin finden zu können. Und dass es eine genetisch nicht manipulierte, organisch gewachsene und glutenfreie Topqualität von Liebe gibt, als könne man sie auf dem Markt kaufen. Wir treffen einen Menschen, beeindrucken sie oder ihn und nach ein paar Jahren ist der Zauber verflogen und Leere zieht ein. Das geht so lange immer weiter, bis wir merken, dass wir uns erst um unsere eigenen Unsicherheiten, Ängste und Sorgen kümmern müssen. Erst dann können wir jemand anderen lieben.


Das ist genau der Gegenentwurf zum Schnellen-Zauber-Ansatz. Wir haben immer die Wahl: Entweder lassen wir die Flamme lodern und verbrauchen die Energie im Nu, oder wir brennen auf niedriger Flamme, sodass wir uns die Wärme füreinander für lange Zeit erhalten. Nicht den Partner beeindrucken, sondern ein tiefes Verständnis für ihn empfinden. Das ist meine ganz persönliche Auffassung von Liebe.


Shyam Wuppuluri

kehrt zurück in seine Abgeschiedenheit, für die Caputh bekanntlich ja touristische Werbung macht und die auch Einstein so liebte, und schließt das Gartentor ab.


Ich bin "beeindruckt", trotz seiner Dementi, und freue mich auf weitere Begegnungen mit ihm:


- als "Gast und König" in meinem Heim zum veganen Essen "auf niedriger Flamme",


- als engagiertem Forscher bei seinem Gastvortag vor dem Einstein Forum und der Daimler und Benz Stiftung über Menschen und Metaphern und Materie.





"Lieber Shyam,



denken Sie an Schwielowsee,

wenn Sie zurück in Indien sind.

Vernetzen Sie Bombay und Caputh.

Und kommen Sie liebend gern wieder

zu einem weiteren vergnüglichen interkulturellen Austausch!"


"Dear Shyam,

don't forget about Schwielowsee

when you are back home in India.

Link Bombay and Caputh.

And we'd love to have you back here again

for another enjoyable intercultural exchange!"


(I'm so sorry to say that Shyam will have to translate all of our enjoyable talk into English.

Will Google do a proper job??)


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