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  • Hilda Steinkamp

Artist Talk mit Matthias Koeppel im KUNST-GESCHOSS

Aktualisiert: 19. Okt.

Sein Weg vom Realismus zum NEO-Kubismus

Matthias Koeppel (re) mit Künstlerfreunden Frank W. Weber (Werder) und Siegrid Müller-Holtz (Caputh)

"Hab ich lange nicht gemacht - ein bisschen den Schreier geben"

Das hat Anklänge von jugendlicher Revolte. Vom Aufbruch eigen-sinniger Kunststudenten aus dem westdeutschen universitären Lehrbetrieb der 1960er-/1970er-Jahre. Aus dem Mund des inzwischen 85-jährigen Matthias Koeppel erklingt solch ein Vorhaben nicht ohne selbstironische Untertöne, als er am 09. Oktober 2022 zum Künstlergespräch in die Stadtgalerie Werder kommt. Kurator Frank W. Weber hatte eingeladen. Eine zusätzliche ausstellungspädagogische Offerte nach der Vernissage am 28. September 2022. Die Gäste wollen nach ihrer Erstbegegnung mit den ausgestellten Koeppel-Bildern anreichernde Einblicke in seinen künstlerischen Werdegang und die Genese seiner Werke gewinnen. Die bekommen sie auch.

"Der Luther hier, das ist kein platter Menschenkopf!"

"Mein Luther-Porträt ist im Sinne der abstrakten Malerei geometrisiert", erklärt der Künstler, mit kubischen Formen wie Kugel, Kegel, Quader oder Pyramide "zerteilt, verschnitten, verfremdet. Da entstehen gedankliche Linien, die es real nicht gab in Luthers Gesicht.



Ich habe die Bibel als dickes Buch mit reingebracht. Wenn man nur den Kopf abmalt, dann wäre eine solche Bereicherung nicht möglich."


"Ein dickes Buch" - Symbol des Malers für die Bibelübersetzung, Luthers religions- und sprachgeschichtliche Großtat, mit der er die christliche Kirche reformierte und die neuhochdeutsche Sprache vereinheitlichte? Für den sprachästhetischen Kraftakt Luthers über mehr als ein Jahrzehnt, mit letztem Feilen an seiner Übersetzung bis kurz vor seinem Tod? Und die spitzen Formen, die gebrochenen Linien im Gesicht des abtrünnigen Kirchenmanns: Instrumente oder Blessuren im Kampf gegen die alte Kirche? Die Blitzlichter des Malers zu seinem Bild setzen im Betrachter gedankliche Assoziationen frei. "Eine Bereicherung" fürs eigene Verstehen allemal!

"Melanchthon, sozusagen der Pressegeneralsekretär Luthers,

hat die ganzen Streitschriften verfasst, worüber die Menschheit sich fürchterlich aufregte. Hier hat man eine Gliederung der Fläche in abstrakter Vorgehensweise, das sind alles geometrische Formen, die sich zusammenfügen zu einem Porträt."


So weit die Künstler-Lese-Anleitung.

Ich schaue genauer - auf die Verzerrung der Mundpartie: zwei versetzte Münder

für den Mitarbeiter Luthers. Die neuere Forschung nimmt stärker die Eigenständigkeit seines Denkens wahr, Philipp Melanchthon sprach und schrieb auch in eigenem Interesse - als theologischer Autor der Wittenberger Reformation. Es gibt heute keine einheitliche protestantische Kirche, sondern eine lutherische und eine reformierte. Das weiß man. Der Künstler Koeppel hat Melanchthons 'Zweisprachigkeit' mit dem doppelten Lippenpaar förmlich zur Anschauung gebracht.

"Und als ich sie gemalt hatte, da sah sie mir zu lieblich aus ..."

"Das war die Zeit mit der großen Flüchtlingswelle, 2015, da hatte sie noch eine schöne Frisur, toupierte Haare und goldblond, das passte wunderbar, Schwarz-Rot-Gold, die deutsche Flagge."


Aber wie gesagt: zu schön!



"Da hab ich das schwarze Quadrat genommen, das Symbol der abstrakten Malerei seit den 1920er-Jahren, das hab ich ihr sozusagen aufs Gesicht gehauen, nicht aus Brutalität, nein, nein, sondern einfach um sie zurückzubringen in die Normalität: Flüchtlingsströme und der Schlagbaum im Hintergrund, alles Symbole für die überlaufenen Grenzgebiete, die hinterlassen Spuren." Und an anderer Stelle wird Koeppel noch deutlicher: "Das Quadrat steht für die Faustschläge, die Angela Merkel für ihre Flüchtlings-Politik einstecken muss.“


Bei diesem Merkel-Porträt sei es ihm am besten gelungen, das Abstrakte mit dem Realistischen in Verbindung zu bringen und dadurch eine gewisse Spannung zu erzeugen.

"Ein Maler aus dem Wohlstand sucht die Natur,

um etwas Aufregendes, Schönes zu malen. Da hinten hat er sein Zelt aufgestellt. Dahinter eine Mietskaserne und da der winzige Mond, der sich ein bisschen zaghaft hervortut. Das übergroße Gesicht in meinem Selbstporträt, der Gesichtsausdruck - das ist wie eine kubistische Anzeige!"


Bruchlinien erkenne ich im Brillenglas, einen leicht abschätzig verzogenen Mund, die Augen nicht auf Pinsel und Malobjekt mit Blumenwiese gerichtet, sondern raus aus dem Bild und starr den Betrachter fixierend. Es ist so, als kleckse er Farben auf eine von ihm abgewandte Leinwand. Das ist keine ergonomisch realistische Körperposition beim Malen, kein überzeugter Landschaftsmaler herkömmlicher Manier, wie es scheint, dieser neo-kubistische Künstler Matthias Koeppel.


"Eine unterirdische Gruppe von fünf Malern",

so resümiert Matthias Koeppel genüsslich aus seiner Alterssicht, war es leid sich dem Diktat der abstrakten Malerei an der Hochschule wie im Kunstbetrieb zu beugen. Die Maler Johannes Grützke, Manfred Bluth, Matthias Koeppel und Karlheinz Ziegler entwickelten eine neue Auffassung von Kunst. "Wir sind ausgestiegen, haben zunächst Aktzeichnungen gemacht, Körperanatomie und Maltechniken studiert. Und in den 70er-Jahren auch richtig Erfolg gehabt, trotz der Richtungskämpfe zwischen Realisten und Abstrakten, und unsere Bilder gut verkauft. Denn im Kunstgeschmack des Bürgertums ist Gegenständlichkeit fest verankert."


Damit war die Revolte aber noch nicht zu Ende. Statt in die satte Behaglichkeit gutverdienender Auftragskünstler mit gut ankommenden realistischen Bildern zu versinken,

schlossen sich die alternativen Maler zu einem Künstlerbund zusammen:

"In unserem Übermut haben wir 1973 die Schule der Neuen Prächtigkeit gegründet"

und einen mit Ironie gewürzten Realismus in die Malerei gebracht, der sich quer zur Zeit stellte. Aus dieser Erfahrung entwickelte Matthias seinen Malstil weiter.

Im Laufe der Nuller-Jahre nennt er ihn NEO-Kubismus. Es gehe ihm darum, Realistisches mit Abstraktem zu verbinden. Nicht im Sinne der abstrakten Malerei eine menschliche oder sonstige gegenständliche Figur durch kubistische Formen in solch einem Maße zu verfremden, dass wie bei Pablo Picasso oder Georges Braque nur noch symbolische Zeichen übrig bleiben.

Er praktiziere eher eine "poetische Geometrisierung":

"Mit Metaphern der abstrakten Malerei will ich den traditionellen Realismus aufmotzen, ankurbeln", gibt Matthias Koeppel zu verstehen. "Der Neokubismus ermöglicht es, in einer leichten poetischen Geometrisierung Elemente zusammenzufügen, die auf konventionell realistische Weise nicht zusammengehören", spricht er 2017 akademisch in einem Zeitungsinterview (https://www.bz-berlin.de/archiv-artikel/matthias-koeppel-kann-auch-anders).

Anschauliche Exemplare seiner neo-kubistischen Kunst sind im KUNST-GESCHOSS Werder noch bis zum 13. November 2022 zu sehen.


"Den S-Bahnhof Friedrichstraße in Berlin hab ich erst realistisch gemalt, dann vereinfacht, in Schwarz-Weiß auf braunem Untergrund und neo-kubistisch."

Auch SOOKI, Künstlerin mit südkoreanischen Wurzeln und Ehefrau von Matthias Koeppel mit gemeinsamer Galerie in Berlin, hat sich einen neo-kubistischen Stil zu eigen gemacht und zeigt und erläutert im KUNST-GESCHOSS ihre eigene künstlerische Handschrift mit koreanischen Bildelementen. Und macht Mut zum Umsteigen auf neo-kubistische Gestaltungsweisen:


Ein kulturvoller Sonntagnachmittag im KUNST-GESCHOSS mit einem launigen Matthias Koeppel, mit geladenen Künstlern und Kunstfreunden im fachlichen wie freundschaftlichen Gespräch:



Eine Fortsetzung der Künstlergespräche, diesmal mit Frank W. Weber, ARATORA mit Künstlernamen, gibt es am 29. Oktober 2022:


Bloggerin bei der Arbeit, atemlos - Foto: Helga Lehner










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