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  • crystalcove15

STILUS-Ausstellung "Zwischenwelten" in der Schinkelkirche in Petzow

Aktualisiert: 20. Okt. 2021

Eine "entzauberte Kirche"? Fontane irrte gewaltig!


Der Kunst- und Kulturverein "Kulturpunkt STILUS e.V." stellt auch 2021 in der Schinkelkirche in Petzow wieder die neuesten künstlerischen Arbeiten seiner Mitglieder aus.


Die Vernissage ist am 10. Oktober 2021. An den hohen Wänden der Seitengänge hängen von Galerieleisten auf Augenhöhe der Besucher Gemälde, Materialcollagen und Fotografien, elektronische Installation - alle zum Thema "Zwischenwelten". Von Klavier und Orgel tönen besinnliche wie flotte Weisen, eine intensive Herbstsonne schickt ihre Strahlen durch die hellen Glasscheiben und gibt der Zusammenkunft von Mensch, Kunst und Musik eine wärmende Leichtigkeit. Alle Sinne sind angesprochen. Alle Sinne stehen auf Empfang.


Was um Himmels Willen (wir sind in einem ehemaligen Sakralbau) stimmte Theodor Fontane so ganz anders ein?


Ein kurzer literarischer Blick in "Wanderungen durch die Mark Brandenburg" (Kap. "Petzow). Beim Anblick der Dorfkirche Petzow ließ sich der Dichter zu diesem Kom-mentar hinreißen:

"So entstehen denn entzau-berte Kirchen, die helle Fenster und gute Plätze haben, die aber den Sinn erkalten lassen, weil mit der Vergangenheit gebrochen wurde." Wie kam Fontane mit seinem sonst so sensiblen Blick für Landschaften und Gesellschaften zu diesem Verriss?

Ein kurzer bauhistorischer Rückblick, bevor es ins Innere der Kirche geht: Die Dorfkirche Petzow stand bereits auf dem Grelleberg, als Fontane dort Anfang der 1860er-Jahre entlangwanderte. Fertiggestellt geworden war sie 1841 nach den Plänen

des Hohenzollern-Stararchitekten Karl Friedrich Schinkel. Der preußische König Friedrich Wilhelm IV. hatte als Gotteshaus für das Petzower Herrenhaus am See einen Neubau in neuroma-nischem Stil angeordnet. Baustelle sollte ein alternativer Standort sein, jenseits der Straße, und zwar auf einem höhergelegenen und vor allem tragfähigeren Grund, als es die Nähe zum Ufer des Schwielowsees zuließ. Denn dort, unweit des Herrenhauses - heute als

Schloss Petzow bekannt - stand der baufällige Vorgängerbau. Die neue Kirche auf dem Grelleberg wurde nicht mit dem ornamentalen Schmuck historischer Stilrichtungen erbaut. Kein Kleinod aus der Vergangen-heit der maroden Altkirche wurde übernommen: "Alles Historische .. meist als Gerümpel beseitigt", murrte Fontane.


Der Neubau erhielt Fassaden aus gebranntem Backstein der Region, einen schlichten hölzernen Altar, ein Kruzifix aus Gusseisen, Kanzel und Taufbecken aus Eichenholz. Das klingt spartanisch, aber immerhin konnte sich Schinkel gegen noch massivere Sparmaßnahmen der preußischen Landesherrschaft durchsetzen.


Wie viel mehr hätte es Fontanes hohe Erwartungen an einen Sakralbau erschüttert, wenn er die Schinkelkirche in Petzow auf der Liste entwidmeter Kirchengebäude im Land Branden-burg entdeckt hätte: 1988 war sie auf Erbpacht für 99 Jahre an den Landkreis Potsdam-Mittelmark übergegangen und mit einem "Nachnutzungsrecht" ausgestattet worden. Seither ist sie Event Location für weltliche Ereignisse wie Ausstellungen, Konzerte und standesamtliche und kirchlichen Trauungen.


"Den Sinn erkalten lassen?" Fontane konnte nicht mit "Zwischenwelten" rechnen!


Doris Patzer, Kulturreferentin des Landkreises Potsdam-Mittelmark und gerade im Kirchenportal noch im Gespräch mit Krystyna Kauffmann, mit ihren vitalen 89 Jahren das älteste STILUS-Vereinsmitglied, begrüßt als Hausherrin der Kirche ihre Gäste.


Detlev Denzer, ursprünglich von Beruf promovierter Biologe, bald Fulltime-Künstler aus Berufung, seit 1976 in zahlreichen Ausstellungen in Deutschland, Frankreich und den USA, seit 20 Jahren engagiertes Mitglied und 1. Vorsitzender von STILUS e.V., aktuell Organisator der Ausstellung und heute besonders dankbar für die offene Kirche und seine frohe Fangemeinde (s. Mittel-punkt im Foto).


Er erklärt das Ausstellungskonzept: "Wir von STILUS haben uns vor mehr als einem Jahr zusammengesetzt und gemeinsam überlegt, welches Thema wir unserem nächsten Projekt geben könnten. "Zwischenwelten" ist dabei heraus-gekommen - beschlossene Sache. Und jeder Künstler hat an diesem Thema gearbeitet, auf seine eigene Weise. Die Ergebnisse sehen Sie hier in der Schinkelkirche ausgestellt."


Damit spricht er ganz im Sinne von STILUS. Dieser Kulturverein hat sich in den 25 Jahren seines Bestehens zum Ziel gesetzt, wie auf seiner Webseite zu lesen ist, "mit seinen Aktivitäten den Blick für die Vielfalt der Welt und die unterschiedlichen menschlichen Sichtweisen zu öffnen und dadurch zu größerer Toleranz und Akzeptanz zu ermuntern."


Unterschiedliche Sichtweisen auf "Zwischenwelten" gibt es auf der Ausstellung in der Tat! Hier versammeln sich Arbeiten von schöpferischen Menschen aus unterschiedlichen Lebenszusammenhängen: mit einem abgeschlossenen oder parallel weitergeführten oder abgebrochenen Berufsleben in einer ganz anderen Sparte, etwa Biologie, Geologie, Universität, Konzert, Musiktherapie, IT-Management. Oder Objekte von Vollzeitkünstlern. Und die STILUS-Künstler arbeiten in unterschiedlichen Medien wie Öl und Acryl, mit unterschiedlichen Techniken wie Malen, Materialcollagen, Fotografieren mit der echten oder virtuellen Kamera.


Nach klangvoller Einstimmung durch die Pianisten Paul Mathis (Foto: Dietmar Steinkamp), Mischka Tomanikova (Foto: Helga Lehner) sowie Organist und Kantor Andreas Discher (Foto: Karin Denzer) gehören Kirchenraum und Ausstellung den Besuchern.


Spaziergang zwischen den Welten entlang der Spree


Peter Scholz (rechts im Selbstporträt), promovierter Biologe mit Liebe zur Malerei und Fotografie, Ehrenamtler in der Beratung von jungen Start-up-Gründern und vieles mehr,

versteht seine naturalistisch anmutenden Acrylbilder "Berliner Dom", "Reichstag" und "Bode Museum" symbolisch. Im Machtzentrum der Hauptstadt stehen diese Gebäude in seinen Augen und mit seinen Worten "für die Welten Religion, Politik, Kultur und Wissenschaft, die durch die Spree miteinander verbunden sind und durch Zwischenwelten im Austausch stehen. An der Spree entlang in Berlin Mitte lässt sich zwischen den Welten spazieren gehen."

Und im Kirchhof bewegt er sich (links im Bild) kommunikativ zwischen den Welten von Künstlern, Betrachtern und Bloggerin.


Auf Spurensuche zwischen den Welten


Helga Lehner kennt Fotografieren von der Pieke auf, aus ihren Lehrjahren in der "Werkstatt für Fotografie" in Kreuzberg, und präsentiert ihr Geschick mit der Kamera auf zahlreichen Aus-stellungen. Für Ausstellungsbesucher in Petzow zeigt sie ihr Talent in der Spannweite zweier Fotos:

Im Foto links, "Fotografin vor af Klint", der schwedischen Pionierin der abstrakten Malerei, hält sie einen Augenblick fest, in dem eine junge Fotografin in den Leuchtkreis des ausgestellten Gemäldes tritt, wie ein interaktives neues Bildelement: "Licht und Form sind eins geworden. Zwischenwelt," kommentiert die ältere Fotografin, die Gemälde mit Fotografin aufgenommen hat.

Zum Foto rechts, "Vollmond", erläutert Helga Lehner ihren kreativen Moment so: "Am Nachhimmel jagt der Wind die leuchtenden Wolken hinauf zum Mond. Die Gedanken fliegen mit ins Dunkel und begleiten das Licht."


Welten aus der virtuellen Galerie

Dietmar Steinkamp gibt ebenso faszinierten wie ratslosen Betrachtern seiner fantastischen Fotos eine kurze Einführung in seine "Maltechnik":

"Ich fotografiere in der wirklichen Welt mit der virtuellen Kamera. Die muss man sich als größere Variante dieser VR-(virtual-reality-)Brille hier in meiner Hand vorstellen (s. Foto rechts). Eine Riesenbox. Aha, denke ich, da ist ein schönes Motiv, das fotografier' ich, dann drück' ich auf den Knopf wie bei einer richtigen Kamera. So entsteht mein 'Malkasten': Fotos aus der realen Welt. Durch die Linse der virtuellen Kamera wie durch diese VR-Brille und mit Hilfe von Mal-Apps sehe ich aber anderes: veränderte, virtuelle Welten. Und davon mache ich Screenshots. Die bringe ich in einen Fotoshop und dort werden sie miteinander zu einer Collage kombiniert."

"Wie viele Bilder stecken zum Beispiel in dem blauen Foto dort oben links?", will ich wissen.

"Na, so vier, würde ich sagen," schätzt mein Namensvetter Steinkamp.

"Und kann man die noch einzeln erkennen als Betrachter?"

"Ja, klar, schau'n Sie mal: Da gibt es hier die violette Dame, dann noch einen kleinen Bildschirm aus einem Computerspiel, dort auch noch mal eine Tastatur. Zwei grüne Ebenen, Natur."

"Das Foto daneben, oben rechts: beeindruckend schön in seinen Formen, vor allem mit den weißen Pyradmiden-Linien", taste ich mich vorsichtig weiter.

"Ja, das sind so Blitzgewitter,"erklärt der Künstler strahlend. "Das Ganze eine Art Potpourri aus verschiedenen Mal-Apps. Hier gehe ich zum Beispiel zur Techno-Musik durch einen Raum (unten links). Da drüber Ornamente zu etwas sanfterer Musik, etwas für Hippies. Rechts unten, das ist ein Bastelspiel, wo man die Hände noch sieht."

"Könnte Sie auch aus realen Fotos hier vom Kircheninnenraum mit Fenstern, Bänken, Menschen, Kunstobjekten was zaubern?"

"Ja, sicher."


Es bleibt spannend, Dietmar Steinkamp, mit Wurzeln in Osnabrück, zuzuhören und neugierige Blicke in seinen digital assistierten Schaffens-prozess zu werfen. Kunst und Beruf sind bei ihm als selbstständigem IT-Manager im Berliner Unternehmen Steinkamp & Söhne durchaus affin. Dennoch, bei allem Verständnis digitaler Technik ist er erfrischend spontan und intuitiv in seinem Kunstverständnis:


"Sehen Sie, wenn Sie Fotos machen, schon das Potential der künstlerischen Veränderung?"

"Äh, nein. Ich mach' das komplett aus dem Bauch heraus."

"Eine Ahnung vielleicht?"

"Nein, ich bin völlig frei von Planung, ist wirklich ganz impulsiv."


Gesehen, gehört habe ich vieles. Verstanden auch. In kaum einer anderen Bilderserie auf der Ausstellung habe ich so viel Freiraum für Deutung erlebt. Auch für Verzicht auf Deutung. "Interesseloses Wohlgefallen" am Schönen? Ja, das gibt es: diese subjektive Begegnung mit Kunst, von der Kant spricht.


Traum- und Erinnerungswelten


Ellen Ernst ist Berlinerin von Geburt wie im weiteren Leben, Malerin, Galeristin und Projektkünstlerin. Mit ihren Ausstellungsbildern "Le Sud", "Meerblick" und "Der Schatz" erschließt sie ganz eigene "Erlebniswelten". Fragmente aus Erinnerungen und Träumen tauchen plötzlich auf, mit dem Anspruch einer realen Welt, sind aber "eine verklärte, verfälschte Wirklichkeit" - eine Zwischenwelt, die nach dem Erwachen wieder entschwindet. Es sei denn, sie überdauern. Durch Kunst wie von Ellen Ernst.


"Wo ich schrecke, da erobere ich Liebe"

Olaf Kaminski ist Berliner Urgestein mit Kunst- und Musikstudium. Als Vollblut-musiker ist er in Deutschland und Frankreich unterwegs, vertraut auch mit Musiktherapie. In der Malerei findet er seine zweite künstlerische Ausdrucksform.


Er nennt seine Doppelbildvariation "Paso Doble". Als Singer-Songwriter setzt er diese Poesiezeilen hinzu:


"Lady Mondegreen bittet zum Tanz. Nachtigallen und Hausvögel, seid alle willkommen! Hier ist kein Platz für den Angler von Angst ..."


An Ort und Stelle mit Muße weiterzulesen, diese ansprechende Symbiose von Malerei und Lyrik, lohnt sich.


Freiräume zwischen Topografie und Fantasie

Thomas Wiersberg führt von Potsdam aus ein berufliches Doppelleben -als promovierter Geologe mit Forschungsaufträgen und Fotoansichten rund um die Welt und als Fotograf aus Leidenschaft mit einer langen Ausstellungsgeschichte in B-BRB. Für das diesjährige Thema der STILUS-Ausstellung hat er ebenso einfallsreich wie humorvoll seine Kamera auf topografisch auffindbare Objekte in und um Potsdam gerichtet.

Im Foto "Eingang zum Paradies II" steht auf einem exakt abgezirkelten gepflas-terten Rechteck ein Toilettenhäuschen mit zwei Stühlen rechts und links, und zwar an der Endstation einer Buslinie in Karzow. Das Häuschen - "eine Erlösung für den Busfahrer", erklärt der Fotograf mit trockenem Humor, der Sinn der beiden Stühle bleibe dem Betrachter überlassen. "Willkommen in einer eigenen Wirklichkeit, einer Zwischenwelt, einer Welt nur für mich alleine. ... Hier sind die Gedanken frei", sinniert er in dem Begleittext zu seinen Fotos.


Das Foto "Zurücklehnen, bitte" versetzt den Betrachter in die Ruine eines DDR-Kinderheims in der Nähe von Rathenow. Vielleicht lädt der noch ganz passable Ruhesessel erst jetzt, lange nach Ablauf der ursprünglichen baulichen Nutzungsphase, zum entspannten Verweilen ein?

Nichts in seinen Fotos ist gestellt, versichert mir der Künstler, keine mitgenommenen und geschickt platzierten Requisiten in Natur-räumen oder Bauruinen. Auch nicht in diesem zweiten Foto von der Kinderheimruine: "Anschnallen, bitte".

Augenblicksglück eines begnadeten Spürsinns für lohnende Fotogelegenheiten!


Vera Ikon - Videoarbeit von Thomas Scheffer

Zurück von der Vernissage am heimischen PC entdecke ich im Flyer, dass Thomas Scheffer, einer der STILUS-Künstler auf der Ausstellung, für mich unentdeckt geblieben ist. Also nochmal hin, beim nächsten Öffnungstermin, eine Woche später. Und dann sehe ich sein Exponat am Ende einer großformatigen Bilderserie seiner Kollegen: ein winziger Rahmen nur, kaum 10x10 cm groß, darin ein schwarzes Display mit Lichtsignalen wie Blitzlichter, daneben zwei DIN-A4-Blätter, engbeschriftet mit kunstverständigen Anmerkungen eines Kritikers. "Das ist es," rufe ich dem aufsichtführenden Mitarbeiter zu. "Was?!", fragt er erstaunt. "Na, die Videoinstallation des Künstlers, dort an der Wand! Die hatte ich beim ersten Mal übersehen." "Ach, nee," staunt er weiter, "und ich dachte, das wär'n elektrischer Fehler, 'n Warnsignal oder so was oder 'ne defekte Birne."

Unter dem Titel "Mind Machine" lese ich eine knappe Aufforderung an den Betrachter: "Schau hin, aber beweg dich bitte dabei!" Viel zu klein geschrieben, diese Einladung zu einem Wahrnehmungsexperiment, für das flüchtige Auge eines flüchtigen Betrachters kaum zu lesen. Aber ich tu's. Ich bewege mich. Was passiert?


Meine fortlaufenden Bewegungen mit dem Kopf werden von dem Videogerät aufgenommen, aber synchron, als Momentaufnahme, nicht als Bilderfolge. Und ich sehe alles andere, nur nicht meine physische Gestalt wieder. Täuscht mich meine Sinneswahrnehmung? Was ist echt, wirklich? Was ist Täuschung? Das Video - eine Zwischen-welt? "Nichts, nichts ist vielleicht wirklich da. Alles ist im Kopf!", wird Thomas Scheffer von Peer Hunsicker zitiert.


In seinem Begleittext sensibilisiert der Kritiker generell für die Verlässlichkeit unserer menschliche Wahrnehmung: "Suchbewegungen führen uns aufmerksam, wach und lebendig in die Unerforschtheit unserer sinnenhaften Rezeption," erklärt Peer Hunsicker zu Scheffers "Mind Machine". Scheffers Performance-Kunst hat zum Ziel, unser "blindes Vertrauen in die eigene Wahrnehmungsfähigkeit" zu erschüttern (https://monopraxis.wordpress.com › author › monopraxis).

Er führt weiter aus: "'Was sehe ich denn da eigentlich?', sagt sich der affizierte Sinn-Proband." So ging's mir ja auch! Ich will mehr wissen und lese weiter: "Diese unbestimmten Seheindrücke auf der Retina können sich aber durch die im Gehirn hinzu induzierten Imaginationen rückkoppeln und intensivieren. Dies[...] kann bis zu hypnotischen Effekten reichen." Das erinnert mich. An Flashlights in Diskos und Partykellern! Und wir Teenies und Twens wie berauscht auf der Tanzfläche von diesem Sinnenerlebnis. Stroboskopblitzlichter zum Takt der Musik! Bewegungsfolgen in nur einem Bild. Wir sehen im Dunkel des Raums sekundenschnell beleuchtete Bilder, rasche Bildwechsel. Reizüberflutung - die empirische Raumwahrnehmung hat Pause. Hypnotische Effekte, wie der Experte meint? Ja, gut vorstellbar.


Vorgegaukelte Welten

"Virtuelle Welt"- "Olfaktorische Welt" - "Pharmazeutische Welt" - "Literarische Welt" -

das sind Welten, die Dejo Denzer interessieren und zu Materialcollagen motivieren: "Zwischenwelten betreten wir, wenn wir ein fesselndes Buch lesen, uns in durch Computerprogramme erzeugte virtuelle Welten begeben, Erinnerungen durch Düfte wiederbelebt werden oder Drogen wie Opium uns in andere Wahrnehmungsdimensionen entschweben lassen."


Upcycling - vielleicht kein Thema, aber eine Technik für STILUS?

Hier ein erstes Beispiel, außerhalb der aktuellen Ausstellung: Wenn er in realen Welten unterwegs ist, denkt Detlev Denzer ebenso praktisch wie kreativ. Er verwandelt getragene, ausgetretene, ausrangierte, aber heißgeliebte Schuhe in Kunstobjekte. Und was für welche! "Individuelle, handgefertigte Schuhcharakterköpfe aus selbst gebrachten oder bereits vorhandenen Schuhen," ist sein Kreativangebot.

"Vom Schuhwerk zum Kunstwerk", verspricht Detlev Denzer AufraggeberInnen, die sich von ihren ausgedienten oder modisch überholten Tretern trennen wollen, aber nicht können. Upcycling ist eine Technik, die den Öko-Begriff der Wiederverwertung, wie wir ihn etwa aus dem Alltagsgeschäft der Mülltrennung und Pfandflaschenrückgabe routinemäßig kennen, ästhetisch überhöht.

Auch im Kunstbetrieb meiner Gemeinde Schwielowsee hat Upcycling längst Einzug gehalten. So gestaltet zum Bespiel Siegrid Müller-Holtz im Atelier Pro Arte in Caputh Buchskulpturen aus antiquarischen Buchbeständen oder aussortierten Kochbüchern und Poesiealben aus dem Familienerbe.



Ausblick Die Ausstellung "Zwischenwelten" in Petzow lädt Besucher zu einem Sinnen-Erlebnis ein, das den Innenraum der Schinkelkirche weit entfernt von Fontanes kritisierter "Kahlheit". Die ausgestellten Werke sind weit mehr als Schmuckwerk auf kahlen Kirchenwänden. Die persönliche Begegnung mit den Kunstobjekten vor Ort weckt den eigenen Blick, bereichert die Sinne und den Horizont - mit und unabhängig von den Kommentaren der Künstler oder Kritiker.


Dieses Sinnen-Erlebnis ist weiterhin möglich bis zum 8. November 2021, samstags und sonntags von 11 bis 17 Uhr.


Kulturpunkt STILUS e.V. kehrt auch im nächsten Jahr zurück an denselben Ausstellungort mit Arbeiten zu einem neuen Thema.


Nebenbei Architekt Schinkel hätte sich zu seinem schlichten Kirchenentwurf keine bild-gewaltigere Veranstaltung auf der Vernissage am 10. Oktober 2021 wünschen können - zufällig fast auf den Tag genau 180 Jahre nach seinem Tod am 9. Oktober 1841.


Weitblick Ein paar Tage nach der Vernissage: Ein schneller Aufstieg über 94 Stufen in die Spitzes des Kirchturms stimmt mich versöhnlich mit Fontanes weiteren Wander-Eindrücken zu Petzow. Sein literarisches Landschaftsbild taucht mein gräuliches Herbstfoto in einen Farbtopf:

Die »Grelle«, eine tiefe Flußbucht, liegt uns zu Füßen; unmittelbar neben ihr

der Glindower See. Die Havel und der Schwielow,

durch Landzungen und Verschiebungen in zahlreiche blaue Flächen zerschnitten,

tauchen in der Nähe und Ferne auf und dehnen sich bis an den Horizont,

wo sie mit dem Blau des Himmels zusammenfließen.

Dazwischen Kirchen, Dörfer, Brücken, – alles, nach zwei Seiten hin, umrahmt von den Höhenzügen des Havellandes und der Zauche.

Das Ganze ein Landschaftsbild im großen Stil;

nicht von relativer Schönheit, sondern absolut.



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Die Bildrechte für alle mir zur Verfügung gestellten Original-Fotos von den Kunstobjekten liegen bei den jeweiligen Künstlern. Die Ausstellungsobjekte von Ellen Ernst, Olaf Kaminski und Thomas Scheffer habe ich vor Ort aufgenommen. Für die Abbildung der Personenfotos aus privaten wie meinen Speichern habe ich jeweils die Erlaubnis.














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