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  • crystalcove15

Schwielowsee – ein Eldorado für Oldtimer-Fans

Aktualisiert: 30. Sept. 2021

„Das Auto hat keine Zukunft. Ich setze aufs Pferd“, prophezeite einst Kaiser Wilhelm II. Der Kaiser irrte gewaltig. Das Auto wurde nicht nur zum Massenverkehrsmittel, sondern für einige Enthusiasten sogar zum Sammlerobjekt.


In seinem Schuppen in Caputh zeigt mir Helge Bornemann einen blitzblanken Framo V 901, Baujahr 1959: Ein Pritschenwagen mit Motorhaube und Führerhaus in Enzianblau, offener Ladefläche und Bordwänden aus Edelholz – „schöner als jemals vom Band gelaufen“.

Auf der Suche nach (Auto)-Schätzchen mit Geschichte in Schwielowsee entdecke ich später noch ein baugleiches Modell in Purpurrot bei Transportunternehmer Henry Kablitz.


Mit dem Framo V 901 kam 1951 die erste Neuentwicklung der sächsischen Automobilmarke auf den Markt. Von den Frankenberger Motorenwerken, später von den Barkas-Werken hergestellt, lief 1991 das letzte Fahrzeug vom Band.

Bis 1991 war auch Bornemanns Kleintransporter als Gütertaxi in Potsdam unterwegs. 2010 wird daraus ein Geburtstagsgeschenk für den Hausherrn, aufgepeppt durch knallige Riesengeschenkbänder. Der gelernte Fliesenleger restauriert in jahrelanger Freizeitarbeit diesen DDR-Klassiker originalgetreu, 2017 ist er rechtzeitig zur Hochzeit des Sohns fahrbereit. Wie flott ist der Framo? „Laut Papieren 100 km/h. Wenn’s hoch kommt, hol ich 60-65 aus ihm raus.“ Und der Verbrauch auf 100 km? „Zu viel“, gibt der Sammler gelassen zu. „100 km am Stück sind wir noch nicht gefahren. Bis nach Werder auf die Insel ist schon ein Ausflug!“


Modelle aus der DDR-Produktion stehen hoch im Kurs bei den Schwielowseer Oldtimer-Sammlern. So steht ein BarkasBus B1000 von 1974 – umgewidmet als „Gartenlaube“ – beim Architekten Jürgen Wiese neben seinem 1960er-DKW aus westlichen Studientagen. „Ein Raumwunder“, schwärmt er, „mit drei Sitzreihen und einer Tonne Zuladung“. Auch Elektromeister Werner Salomon ist Barkas-Sammler: drei Pritschen und ein Bus aus den 80er-Jahren. Für ihn als privaten Unternehmer, sagt er, war zu DDR-Zeiten kein Auto zügig ohne geschicktes Taktieren, vorzugsweise über Westverwandtschaft, zu erwerben. Der Bus kam erst nach der Wende zu ihm: ramponiert in grüner Armeefarbe – eine „Sonderzulassung für bewaffnete Organe“. Runderneuert ist der Transporter in seinem Betrieb für zivile Nutzung bestimmt. Darunter Herrentouren oder auch Flanierfahrten mit seiner Frau über die Dörfer, vorbei an begeisterten Passanten: „Es macht so’n Spaß!“, sagt seine Frau lächelnd.


Naturbelassen in ermattetem Hellgrün kann man einen Trabant 601 von 1988 bei Schlosser Marko Randel bewundern. Auf eine Cabrio-Variante, einen Trabi 601 Kübel NVA, ein DDR-Armeefahrzeug, sind Maschinenbauingenieur Sören Wintz und Strandbadbetreiber Kay Kablitz stolz. Zu den Kablitz-Schätzen gehört auch ein Wartburg 311 von 1959. Sören Wintz pflegt noch einen Moskwitsch 408 von 1970.


West- neben Ost-Modellen. Auch im Fuhrpark „Oldtimertraum“ von Chirurg Carsten Ritter-Lang und Metzger Olaf Bornemann steht neben den bejahrten VW Käfer, Bulli und BMW Isetta selbstverständlich auch ein Barkas B 1000.


Exotisch wird es in Ferch: Ronny Wyrwa, Präsident des Vereins „US-Car-Freaks Brandenburg“, sammelt vorzugsweise US-Oldtimer: Chevy, Chrysler, Pontiac. Sein Prunkstück: ein pechschwarzer Pontiac Streamliner, Baujahr 1947. Auto(!)didaktisch, aber mit technischem Grundverstand verwandelte er die in den 80er-Jahren in Einzelteilen importierte Schrottkiste in

einen Liebhaber-Oldie. Er baute den 3-Liter-Motor mit 90 PS aus und einen neuen mit 5,7 Litern und 460 PS ein. Alles TÜV-verträglich. Treue zum historischen Original gilt dem TÜV mehr als zeitgemäßer Standard. So fehlen etwa Sicherheitsgurte. Mit seinem roten 07er Kennzeichen kann Wyrwa nicht nur bis zu zehn Oldtimer steuervergünstigt anmelden, er fährt nach der Erstabnahme auch für immer TÜV-befreit. Seinen „Familien-Bomber“ mit dem 07er-Kennzeichen darf er allerdings nur eingeschränkt nutzen, etwa zu Oldtimer-Treffen und Rallyes oder für Probefahrten, die dem Fahrzeugerhalt dienen. Mit Tempo? Beschleunigung und Hubraum sind alles, weiß der Hobby-Autobauer, Geschwindigkeit und Spritverbrauch nebensächlich: „18 bis 25 Liter pro 100 km tank‘ ich gern. Kraft kommt von Kraftstoff!“


Die Sammlerleidenschaft ist das, was diese Oldtimerfans alle vereint. Sie teilen ihre Nähe zur Technik, die Bewunderung für klassische Automobile, den Wunsch nach einem kreativen Hobby, das Ausgleich schafft zum mühsamen Tagesgeschäft: „Am Wochenende war mein Mann oft ab sechs Uhr morgens in seiner Werkstatt beim Basteln am Framo“, erinnert sich Ehefrau Freya Kablitz, „da kam er runter, hat den Stress der Woche abbauen können.“ Die Freude an entschleunigten Spritztouren in unserem sonst so schnelltaktigen Alltag ist der emotionale Treibstoff der Schwielowseer Oldie-Fahrer.

Hilda Steinkamp

Erstveröffentlichung: Havelbote 02/2021, S. 7

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