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Neue Horizonte in Caputh

Aktualisiert: 6. Okt. 2021

Vernissage der 7. Ausstellung in der SchlossGalerie Haape - "Horizonte - nah und fern"

Monika Sieveking, "Horizont mit Paar" im Galerie-Garten

Vernissage:

Eröffnung einer Ausstellung von Werken

noch lebender Künstler in kleinem Kreis


Heute, am 25. September 2021, soll sie stattfinden, die Eröffnung der 7. Ausstellung in der SchlossGalerie Haape: "Horizonte - nah und fern", diesmal mit einer lebendigen Damen-riege. Werke von drei Power-Frauen, die mit verschiedenen Medien und Techniken arbeiten, sind angekündigt. Das weckt meinen Kunst-Appetit! Also mache ich mich auf den Land-und-Wasser-Weg von Geltow nach Caputh, um gleich unter den ersten geladenen Gästen "in kleinem Kreis" zu sein, zur gewohnten Öffnungszeit der Galerie, samstags um 12 Uhr. Fehlzündung: zu früh! Heute ist Ausstellungseröffnung - da gibt es noch viel zu rücken und zu räumen und es fängt erst um 15 Uhr an!


Vernissage prématuré - Vorzugsempfang für die frühe Truppe

Melanie Haape, noch im Malergewand und Arbeitsmodus, aber wie immer mit ansteckend guter Laune, schwebt über Kies und Rasen vor ihrer Galerie, um den Sektempfang mit Leckerbissen aus ihrer afrikanisch-deutschen Küche vorzube-reiten. Unterstützt wird sie im Catering-Geschäft von Marlen Khadir, Judo-meisterin mit Kurs aufs Abitur 2022.



Mit mir haben sich auch andere frühe Gäste aus Berlin auf dem Garten-grundstück der Galerie eingefunden, wir gehen in Ruhe durch die Ausstellung und genießen unverstellte Blicke auf die Kunstschätze.



Eine Erstbegegnung mit den drei Künstlerinnen (v.l.n.r) und ihren Werken:


  • Melanie Haape, Malerin und Galeristin, Caputh: www.schlossgalerie-haape.de

  • Hella Horstmeier, Bildhauerin, Berlin: http://hellahorstmeier.de

  • Monika Sieveking, Malerin und Zeichnerin, Berlin: www.monika-sievekimg.de



Monika Sieveking, Frau auf Schiff, chinesisch Frau auf Barke Mischtechnik auf Leinwand

Monika Sieveking, Rollbilder, Tusche auf chinesischem Reispapier

Hella Horstmeier, Gewachsene Verletzungen Holz/Bronze/Stahl/Kupfer

Melanie Haape, Himmel Studien Öl auf Leinwand

In gar nicht so kleinem Kreis! Um 15 Uhr scharen sich die Gäste um Futterplätze, Tische und Bänke.

Family & friends


Johannes Haape, Claus und Heidemarie Ladner, Melanie Haape

Christan Haape, Siegrid Müller-Holtz

Kathrin Freundner, Siegrid Müller-Holtz, Dr. Krystyna Kauffmann

Musikalische Einstimmung

"Wir haben eine Singer-Songwriterin heute hier, aus Caputh", kündigt Gastgeberin Melanie Haape an, "Anne Fischer komponiert ihre Lieder selbst, und sie passen einfach zu dieser wunderschönen Ausstellung!" Die Gäste lauschen Anne Fischers musikalischer Umsetzung des Ausstellungstitels und ihrer Selbsteinladung zu diesem Event: "I follow my deep heart."


Bevor wir Anne Fischers Appell folgen können, haben das Wort noch zwei


Gastrednerinnen

Ulrike Hofmann-Paul

schreibt Gedichte und Theaterstücke, sie ist Verlagsleiterin und Dozentin an der Freien Universität Berlin. Sie hat beide Künstlerinnen, Monika Sieveking und Hella Horstmeier, in ihren Berliner Ateliers besucht und sich mit Einfühlung und genauem Blick ihren Werken genähert. Ihre Eindrücke stellt sie uns Gästen in einer ebenso ausführlichen wie aufge-lockerten Lesung vor. Ihre Deutungsangebote nehme ich gern als "Lesebrille" mit in die Galerie.


Kathrin Freundner

lobt als Ortsvorsteherin "diesen wunderbaren Ort, den die Familie Haape, vor allem Melanie, geschaffen hat."

"Es ist bereits die 7. Ausstellung seit August 2020", erinnert sie uns. "Wir haben immer noch Corona - unglaublich, was hier passiert!" Und entlässt uns zur Innensicht in die Galerie: "Genießen Sie es!"


"Horizont"-Erweiterung in Bildern und Skulpturen

Der Pinguin am Eingang der Galerie ist inzwischen zum Butler des Anwesens aufgestiegen. Mit dezenter Zurückhaltung weist er Besuchern den Weg. Erschaffen hat ihn die Caputher Künstlerin Anke Debertshäuser. Ihre Tier-Tusche-Serie füllte die 5. Ausstellung "EinsSein" in der Galerie im Frühjahr 2021. Den Pinguin hat sie als Künstlergabe vor der Galerie zurückgelassen.







Gemälde: Monika Sieveking, "Horizont mit Watt" Skulptur: Hella Horstmeier, "Die Seltsame Gestalt"

Die beiden Berliner Künstlerinnen, die oft und gern ihre unterschiedlichen Arbeiten gemeinsam ausstellen, bringen an einer zentralen Stelle im Ausstellungsraum zwei ihrer Werke wie in einem Dialog zusammen.


Das Gemälde "Horizont mit Watt" stammt von Monika Sieveking. Es lenkt den Blick und Schritt etappenweise vom freilie-genden Meeresgrund mit gefurchter Ober-fläche, die man hier noch unter den Füßen spürt, über einen feiner strukturierten Streifen mit leicht gewässerten Flächen dahinter, in die der Schritt tiefer sinkt. Der Blick gleitet über die Möven, die die Ge-zeiten nutzen, um nach Wattwürmern zu picken, gelangt viel weiter hinaus, als es der schwere Menschenschritt im Watt bei Ebbe vermag, über seichte Priele bis hin zu den ersten flachen Wellen und dann ins offene Meer, bis das Auge den fernen Horizont erreicht, den es übersteigen möchte, aber nicht kann, der unerreichbar bleibt.

Ähnlich in die Ferne peilt der Blick der "Seltsamen Gestalt" von Hella Horstmeier, die vor dem lichten Fensterausschnitt 1,85 Meter in die Höhe ragt. Die schlanke Gestalt dreht und reckt sich dem Licht entgegen, als wolle sie der Enge des Raums entfliehen. Auch hier ist der Fluchtpunkt ins Ungewisse verschoben, über die Grenzen des Caputher Schlossparks hinaus, an einen - wie Ulrike Hofmann-Paul formuliert - "schimmern-den Horizont als Sehnsuchtsort."

Die Gestalt aus Holz/Bronze/Stahl steht auf einem Fuß aus Labrador, einem harten Naturstein. Mit seinen blauen und hellen Einschlüssen bringt der Standfuß Leben-digkeit in die starre Form der Figur.


Hella Horstmeier: "Steine sind Teil der Natur",

Verdichtung und Verschiebung, Granit

weiß Ulrike Hofmann-Paul. "Im Gegensatz zu einem Baum habe ich sie manchmal als totes Material betrachtet. Mir ist klar, dass das nicht stimmt.


Doch was ist die Faszination von Steinen? 'Es sind Einschlüsse', sagt Hella Horstmeier, 'sie zeigen die Farbe des Steins, die Mineralien, die Zusammensetzung des Steins.' Als ausgebildete Chemikerin kennt sie die Minerale, ihre Eigenschaften und Farben. Sind die Einschlüsse grün, ist Phosphor enthalten. Rot ist das Eisen, blaue Einschlüsse hat der Labrador aus Norwegen. 'Für Bildhauer sind es die Augen des Steins', sagt Hella Horstmeier. Hier also wird der Stein lebendig."


"Gesprungener Augenblick", Diabas

"Hella Horstmann arbeitet besonders gern mit harten Steinen, mit Diabas, auch mit Granit", hat Ulrike Hofmann-Paul erfahren. Die Bildhauerin schätzt beide, "denn 'sie sind widerständig. Die Millionen Jahre Sediment wollen erobert werden.' "Mit schwerem Gerät und handwerk-lichem Können tastet sich Hella Horstmann voran. Der harte Stein gibt ihr Zeit zum Denken: Schneide ich hier oder hier? Schneiden ist ein Dialog mit dem Stein. Schneiden ist eine Entscheidung, ein er-forschendes Schneiden: Wo ist eine Ader, welche Farbe hat der Stein, wie hole ich sie hervor?





"Lebenseinschnitt IV", Granit/Stahl

Die Skulptur "Lebenseinschnitt IV" ist aus Granit und Stahl gefertigt. "Neben dem Schneiden ist die Sprengung ein wichtiger Arbeitsschritt, den Hella Horstmann liebt," führt Hofmann-Paul weiter aus. "Sprengung hört sich dramatisch an. Doch es ist Handarbeit. Dennoch ist es dramatisch, weil die Reaktion des Steins völlig unbe-rechenbar ist. Hella Horstmeier bohrt zuerst ein Loch in den Stein, setzt ein Eisen hinein und schlägt darauf, immer wieder. 'Irgendwann beginnt der Stein zu singen', sagt sie. ... Dann geht der Stein auseinander und der Stein ist gespalten."


In ihrer Skulptur nennt die Bildhauerin den gespaltenen Stein "Lebenseinschnitt", wie er zufällig im Lebenslauf eines Menschen entstehen kann, der bisher 'rund' verlief, aber dann unvorhersehbar eine tiefgreifende Verände-rung erfährt. Ich sehe eine Analogie zur Sprengung des runden Steins, die die Bildhauerin in ihrem Verlauf auch nicht kontrollieren kann. Während der handwerklichen Fertigung der Skulptur erwächst offenbar das Thema ihrer Arbeit. Der Einschnitt sitzt im polierten Teil des Granits, für mich am Ende eines bereits gestalteten, gelebten Lebensabschnitts.

Hinter diesen ersten Einschnitt hat die Künstlerin einen zweiten in den unpolierten Teil des Steins gesprengt und darin eine Schneide aus Stahl gerammt, wie die eines Fallbeils, das mit seiner Schneidkante vernichtend zuschlägt. Vielleicht eine Vorbedeutung auf einen weiteren "Lebenseinschnitt" im zukünftigen, noch 'ungeschliffenen' Lebenslauf?




Was das Destruktive der Stahl-schneide mildert, so sehe ich die künstlerische Umsetzung der Bildhauerin, ist die Ahnung, dass Einschnitte im Lebenslauf wieder heilen, vielleicht auch zusammen-wachsen. Schlimmstenfalls Narben hinterlassen. Diese aber prägen ein Leben. Geben ihm Profil. Lassen den Menschen wachsen. "Der Stahl ist etwas Künstliches," höre ich von Hella Horstmeier später in einem Gespräch. Und etwas von Menschen Gefertigtes, möchte ich ergänzen. Was ist das 'Künstliche', frage ich mich, das Einschnitte im Leben erzeugen kann, einen eingeschlagenen Weg zum Abschluss bringt, neue Richtungen möglich macht. Eine Serie an Deutungen schießt mir durch den Kopf: eine Beziehung, die nicht mehr funktioniert; meine Gesundheit, die ich vernachlässigt habe; meine Arbeit, die mich nicht mehr ausfüllt; ein Auto, das meinen Weg kreuzt ... Diese Granit-Stahl-Skulptur hat Eindruck hinterlassen. Auf mich..


Monika Sieveking: Liebe zu Himmel und Meer


​"Horizont mit Wolken"

​"Horizont mit Buhnen"

​"Horizont mit Möven"

Die "Horizonte" in den beiden Bildern rechts und links wirken auf Ulrike Hofmann-Paul wie "ein Versprechen für Seeleute, die einen Hafen ansteuern." In der Mitte verheißt der Horizont - in meinen Augen - eher Aufbruch von der Sicherheit des Ufers mit seinen wellbrechenden und küstenschützenden Buhnen (der Ostsee) in eine ebenso verlockende wie ungewisse Weite.


Monika Sieveking: "Ich male Menschenbilder - ich male in Serien"


"Frau auf Barke"

"Frau auf Schiff, afrikanisch"

"Frau auf Schiff, chinesisch"

"Ein Hingucker, ein Eyecatcher", sagt Ulrike Hofmann-Paul zu dieser Bilderserie. "Dem Motiv kann man sich nicht entziehen, auch weil es rätselhaft ist. Jede der Frauen ist auf einem Schiff, doch se brechen zu keiner Reise auf. Sie tragen Alltagskleidung, etwas aus der Zeit gefallen, roter Pullover, blauer Rock, die afrikanische ein blaues Kleid, rotgemustert. Was auffällt, sind die festen Schuhe. Die Frauen sind gerüstet zum Gehen, doch sie stehen, sitzen oder liegen im Schiff. Vor allem sind die Schiffe keine Schiffe, ...

... bis auf die Barke mit kleiner Kajüte. Das Boot wird gehalten von vielen Stöcken, es scheint im Sand festzustecken. Im Hintergrund ist eine strahlend blaue Pfütze zu sehen. War das mal ein großer See? Das Meer?"

"Das afrikanische Schiff ist eine Höhlenmalerei, ein Stier. Die Frau sitzt seitwärts auf den Flanken des Tieres, Blickrichtung Betrachter. Doch sie schaut ins Leere. Ist sie vergessen worden?"

"Das chinesische Schiff be-steht aus chinesischen Schriftzeichen. Scheinbar geborgen liegt die Frau in den Linien. Doch trotz ein-gerollter Stellung liegt sie im freien Raum. Schrift ist ein Herrschaftsinstrument. Kennt sie die Bedeutung der Schrift? Die roten Linien ähneln Mikadostäbchen. Sie könnten leicht weggezogen werden und die Frau würde sich in freiem Fall befinden. Warum liegt sie so seelenruhig?"


Die Gastrednerin fasst ihre Deutung der drei Frauenbilder mit Schiff so zusammen:

"Keine der Frauen hat das Steuer in der Hand. Es gibt kein Steuer. Und sie sind nicht mal im Wartestellung. Es ist keine Sehnsucht in den Bildern. Kein Schiff mit acht Segen wird erwartet, mit dem man rechnen könnte. Die Sepia- und Brauntöne führen uns auf die Spur: Es war einmal. Es wird immer so sein - in dem Bereich des Archaischen und Mythischen. Wir sind im Fluss der Zeit, doch ohne Fluss. Die Frau ist da, war immer schon da, ist bereit und gestiefelt. Sie hat einen Platz, doch definiert ist dieser Platz nicht."




Ich komme ins Grübeln: Die Frau als Wartende, Vergessene, Gestrandete, Schlummernde? Retro-Ansichten des Weiblichen kommen mir in diesen drei Bildern aus unserer Zeit entgegen. Die Befreiung von festen Gender-rollen eine Illusion, selbst im fortschreitenden (nicht immer fortschrittlichen) 21. Jahrhundert? Trotz sichtbarer Lockerungen in den binären Geschlechterverhältnissen zwischen Mann und Frau? Wir alle kennen Gleichstellungs-angebote auf so vielen Ebenen: in Ausbildung, Beruf, Recht, Politik. Und leben und praktizieren sie doch selbst in Familie und Partnerschaft. Oder doch nicht? Monika Sieveking polarisiert. Sie ist bekannt für ihre zeitkritische Malerei. Wie gut, solche Denkanstöße auf dem Galeriegang mitzunehmen!

"Unter dem Himmel V"

Rücksichten


Monika Sieveking, weiß die Gastrednerin, "beobachtet Menschen genau. Sie hält aber auch Abstand."


"Die Rücksichten haben meine Sympathie", schreibt ihr die Malerin.


"Sie möchte anregen, das Leben mal von hinten zu betrachten. Es geht ihr um den Respekt vor dem Abstand unter den Menschen."











Monika Sieveking: Rollbilder auf Chinapapier

Mit Vorder- und Rückansicht ist Sievekings Tuschmalerei auf Reispapier ausgestattet. Sie hängen an den bodentiefen Fenstergläsern der Galerie, sind also beidseitig anzusehen.


"Schwimmen mit Tieren"

"Vergnügen miteinander"


Das Rollbild "Lebenslauf":

"Das Papier ist durchscheinend, wir sehen zwei Bilder, Vorder- und Rückseite, eigen-ständige Werke, eine Verwandlung, die dem Papier geschuldet ist", erklärt Ulrike Hofmann-Paul. "Warum sie jetzt mit Reis-papier arbeitet, frage ich sie. Sie probiere immer wieder neues Material aus. Und es gibt einen praktischen Grund: Reispapier ist leicht und einfach zu transportieren. Die Bilder lassen sich an der Hängung rollen. Die Chinesen kennen Rollbilder seit Jahrhunderten."


Hella Horstmeier "ist ein bekennender Maschinenfan"

Hinter dem Spiegel, Holz

berichtet Ulrike Hofmann-Paul. "Sie liebt Kettensägen. Sie liebt des ersten Schnitt in den Stein. Ihr Maschinen-park an Schneide-, Bohr- und Poliermaschinen ist beeindruckend."


Ebenso wie ihr Stein- und Holzlager neben ihrem Atelier Künstlerhof in Alt-Buch in Berlin.










Ein paar Tage nach der Ausstellungseröffnung gehe ich wieder in die Galerie. Ich will mehr sehen, einsehen, verstehen. Es hat geregnet. Die Platte, auf der die Holzskulptur "Hinter dem Spiegel" liegt, glänzt nun wie ein "Spiegel". Tage zuvor hatte ich noch über den Titel gerätselt. Jetzt habe ich eine Deutung, meine Deutung, wenn auch eine momen-tane, der Witterung geschuldet. Aber warum "Hinter dem Spiegel"? Die beiden Holzstücke, eines davon in Fußform, liegen doch jetzt auf der Spiegelfläche. Vielleicht ist aber eine Analyse nicht der Weg zum Verstehen.

Und ich spreche am Telefon mit Hella Horstmann im Urlaub auf Usedom, "im Inselgefühl", wie sie sagt. Abtauchen, sich neu (er)finden nach der Kunsttour der letzten Wochen. Eine praktische Frage: Kommt auch beim Holz die Kettensäge zum Einsatz? "Oh, ja", bestätigt sie, "Eiche ist das härteste Holz. Daraus habe ich die länglichen Stücke in der Skulptur 'Hinter dem Spiegel' geschnitten." Die Deutung des Titels überlässt sie ganz den Besuchern. "Sie sollen mir sagen, was sie darin sehen!" Recht hat sie. Verstehen liegt beim Betrachter, ist seine subjektive Wahrnehmung. Was die Künstlerin uns mit ihrem Werk sagen will - diese Frage-stellung ist seit langem nicht mehr aktuell in der Rezeption von Kunstwerken. Der Betrachter gibt dem Kunstwerk seine Bedeutung. Andererseits bin ich auch weit davon entfernt, der Holzskulptur eine beliebige Deutung meiner Wahl überzustülpen. Verstehen ist ein leben-diger Fortsetzungsprozess. Ich bleibe "Hinter dem Spiegel" auf den Fersen.


"Die kleine Anlehnung", Terrakotta/Stahl

"Gegensätzliches reizt mich!", bekennt Hella Horstmeier im Telefongespräch. "So kombiniere ich sehr gern Stahl und Stein. Stein ist etwas Lebendiges, Stahl etwas Künstliches."


Die Plastik "Eine kleine Anlehnung" ist eine solche Materialkombination in Hella Horstmeiers Skulpturenschatz. Die kleinere Figur aus Terrakotta lehnt sich in Schräglage wie schutzsuchend an die größere Stahlstruktur in gleicher geneigten Stellung an. Sie steht sicher in deren L-förmigem Ausschnitt, mit Freiraum für Bewegung zur kleineren Seite. Sie lehnt sich an, ist aber nicht eingeklemmt. Mit ihrer langen wehrhaften Spitze und ihrer schlanken schwarzen Gestalt ist die Stahlfigur die Dominierende in diesem ungleichen Paar. Und zugleich mit ihrer L-Form und der Sockelplatte die Standfeste. Die Terrakottafigur dagegen wirkt unterlegen: kleiner, gedrungen, wie abgeschnitten und mit einer tiefen Kerbe versehen, kraftlos, dennoch lebendig mit ihrem schwarz-rot gesprenkelten Tonkörper . Dominanz und Hingabe - Stärke und Schwäche? Hier habe ich als Beobachterin den Eindruck, dass das ungleiche Verhältnis zwischen beiden Figuren durchaus zu einer fürsorglichen Symbiose führen kann. Vielleicht auch nur als vorübergehende, "kleine" Gemeinschaft zu gegenseitigem Nutzen.


Nach Hella Horstmeiers Definition: "Stein ist lebendig, Stahl künstlich", scheint die Terra-kottafigur den menschlichen Part in dieser Konstellation zu besetzen. Bleibt jetzt noch die Frage, was das Künstliche, das Haltgebende in der Situation eines anlehnungsbedürftigen Menschen sein könnte. Antworten, Assoziationen bleiben dem Galeriebesucher überlassen Und meinen Lesern.


Der Galeriepavillon

"Ich bin ja so froh, dass ihr das gewagt habt!" Mit diesem Lob wendet sich Monika Sieveking an die Galeristin. Sie meint den Bau des Galeriepavillons. An dessen Stelle wurde vor mehr als einem Jahrhundert ein Bootsschuppen zusammengehämmert, der später als Werkstatt des Künstlers Max Arenz umgewidmet wurde. Frühe Spuren der Havelländischen Malerkolonie. 2001 dann der Kauf von Grundstück mit Wohnhaus und Schuppen durch die Haape-Familie. Es folgte ein Behörden-Marathonlauf bis zur Abriss- und Baugenehmigung. Baurecht und Wasserbehörde bremsten den Gestaltungswillen der neuen Eigentümer zunächst aus. Und dann endlich die erkämpfte Galerieeröffnung im August 2020!

"Die Galerie hat was Anmutiges, vom Bauhausstil. Und es macht Spaß, darin auszustellen," lobt Künstlerin Sieveking das eingeschossige Halbrund der lichten Galerie mit ihrer bodentiefen Verglasung und Transparenz zwischen Kulturraum und Gartenlandschaft.


Melanie Haape: Afrikanische Horizonte

Die Malerin und Galeristin lässt ihr afrikanisches Ursprungsland in ihrer Wahlheimat Caputh wieder aufleben. Landschaften und Lebens(t)räume bannt sie in intensiv erdigen und luftigen Öl- und Aquarellfarben auf Leinwand und Papier.

Filigran setzt sie zum Beispiel eine Herde "Oryx in der Namib" ins raue Landschaftsbild (links in Öl, rechts in Aquarelltechnik), an eine Wasserstelle wohl, so bedeutet mir die Bläue vor ihren Hufen und ihr Spiegelbild darin. Biologisch ist die Oryxantilope ein Tier mit kräftigem Leib, Bullen erreichen eine Standhöhe von 180 cm und ein Gewicht von 200 kg, so staune ich, als ich über diese Gattung nachlese. Die Künstlerin zeigt in ihren Figuren das Fragile und auch Widerständige dieser afrikanischen Tiere, die mit einer bewundernswerten Begabung zur Anpassung im Wüstenklima überleben können - ganze acht Stunden ohne Trinkwasser bei 45° Hitze. Mit ihren langen spitzen Hörnern sind Oryx wehrhaft auch gegen Raubkatzen ausgestattet. Daher der altgriechische Name: 'spitzes Eisen'. Von künstlerischer Hand tragen Melanies Oryx dagegen lange zarte Antennen auf den Häuptern - Navigationsinstrumente für grazile Geschöpfe in widrigen Lebensumständen.


"Jenseits des Horizonts II", Öl auf Leinwand

"Diese afrikanischen Landschaften sind der Hammer!", höre ich Galerie-besucherinnen staunend ausrufen. Sie können sich nicht losreißen, folgen der Farbgebung und Linienführung der Malerin "Jenseits des Horizonts" (Bild oben). Der Himmel als Reflexionsfläche für die rostroten Sanddünen in den Wüsten und Halbwüsten Afrikas! Die Grenze zwischen Land und Luft ist fließend. Der Betrachter - schwerelos.


Melanie erzählt mir: "Ich komme ja gerade aus Namibia zurück und wollte unbedingt eine Tüte mit roter Erde mitbringen, um Künstlerfarbe daraus zu machen. Geht aber nicht! Die Kristalle des Wüstensands sehen so intensiv rot aus, weil da Eisenoxide drin sind, die in der Sonne in Rottönen leuchten. Wenn man den Sand hierher mitbringt und verarbeiten will, sind es nur gewöhnliche Sandkörner, graubeige, uninteressant für mich." So bleibt ihr als Malinspiration der Zauber der ursprünglichen Wüstenlandschaft in ihrer Heimat im Süden Afrikas.





Melanie Haape malt en plein air in Namibia

Eine Ton-Skulptur-Gruppe

klein, aber fein, fängt mein Auge beim Verlassen der Galerieräume. Keramikerin Sabine Breithor mit einer Werkstattgalerie in Langerwisch zeigt Figuren aus herrschaftlichen, bürgerlichen und biblischen Zusammenhängen - oder "Horizonten".


Ausklang

Kommt, lasst uns feiern,

feiern diese Tag ...

Dieser Tag ist auch Labsal für die nächste Zeit!

Diese Zeilen aus einem der Eröffnungslieder von Anne Fischer klingen in mir nach. Mit dem Kunst-genuss in der SchlossGalerie Haape fühlen sie sich wie selbst erlebt an.


Habt ihr heute schon alles gewagt

oder habt ihr das Herz vertagt?


Gewagt, ja: neue Blickrichtungen! Horizont-Erweiterungen! Vertagt, nein: Mit Herz und Kopf dabei!


Habt ihr einmal den Himmel erreicht ...?


Oh ja, haben wir: "Horizonte - nah und fern"! Und sogar "Jenseits des Horizonts" sind wir gelangt.


... und gespürt, auf der Erde geht's leicht,

und gespürt, zusammen geht's leicht?!"


Stimmt: Beschwingt und heiter geht es auf der After-Show-Party auf der Haape-Wiese weiter.


Und danach? Draußen, zurück im Alltag? Üben müsste ich mich dringend mal wieder in der Kunst, im Alltäglichen das Wunderbare zu sehen. Etwa Menschen mit "Rücksicht" zu begegnen. Und Steine als "lebendig" zu betrachten. Oder ...


Picassos Worte klingen nach:

Kunst wäscht den Staub des Alltags von der Seele.


"Seelenwäsche" beim Gang durch die Kunstausstellung in der SchlossGalerie Haape in Caputh: ein Wellness-Erlebnis der besonderen Art!


*****

Hinweise:

Die Ausstellung "Horizonte - nah und fern" in der SchlossGalerie Haape in Caputh wird verlängert - bis zum 31. Oktober 2021. Die Galerie ist donnerstags und am Wochenende von 12:00 - 18:00 Uhr oder nach Vereinbarung geöffnet.

info@schlossgalerie-haape.de / 0170 524891.


Die Sängerin und Gitarristin Anne Fischer gibt auch Hauskonzerte: info@anne-fischer-song.de / 0177 6128 931.


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