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  • Hilda Steinkamp

"Man muss den Vogel lesen können!"

Aktualisiert: 25. Nov.

Winter-Ausstellung in Caputh mit Vogelzeichnungen aus Ralf Wilhelm Schmidts Feder und Gefühl

Ralf Wilhelm Schmidt inmitten seiner Vogelschar in der Caputher Galerie
"Meine fliegenden Freunde"

- so nennt Ralf Wilhelm Schmidt nicht nur seine aktuelle Kunstausstellung, sondern auch die gefiederten Modelle seiner

Bleistiftzeichnungen.


Majestätische Vögel sehen wir, wie den Seeadler, den er auf Usedom aufgespürt hat (s. Titelfoto).


Meist aber heimische Vögel, zu Hause an Havel und Seen rund um Caputh:

Specht, Eichelhäher, Zaunkönig, Blaumeisen (v.l.):


Warum "Freunde"?

Weil sich eine innige Verbindung zwischen Vogel und Zeichner entwickelt. Der Mensch nähert sich mit Neugier und Entdeckerfreude, teilt Lebensräume, investiert Lebenszeit, entwickelt Verständnis. Das sind steile Herausforderungen selbst für menschliche Partnerschaften.

Foto: Ralf W. Schmidt

"Ich habe 20 Jahre im Wald verbracht, da lernst du Geduld und schärfst deine Beobachtung mit allen Sinnen", verrät Ralf Schmidt. "Du erkennst den Vogel an seinem Ruf, etwa wenn er flach übers Wasser fliegt, wie der Eisvogel", weiß der Vogelkenner, "du hörst am veränderten Ruf, wenn er sich auf einen Ast setzt, um auszuruhen." Kennt er den genauen Rastplatz nicht, sucht der Künstler nach Kotspuren, die ihn nahe an seinen Freund heranführen. In diesem Sinne verstehe ich ihn, wenn er für Unvertraute zunächst leicht kryptisch formuliert: "Man muss den Vogel lesen können!"


Nach der Spurenlese harrt er dann aus. Zum Beobachten, Foto- und Videografieren muss er sich mindestens auf fünf Meter dem Vogel nähern können.

Ein Tarnnetz ist rasch übergeworfen, der Künstler demonstriert dies humorvoll und symbolisch in seiner zivilen Kleidung bei meinem Besuch in seiner Caputher Galerie.


Warum "fliegende", warum nicht gefiederte "Freunde"?

Weil sie scheu sind, große wie kleine Vögel. Der Adler ist wesentlich empfindlicher, hat Ralf Schmidt beobachtet, als die kleineren Arten, die zwecks Nahrungsbeschaffung auch in den Lebensraum des Menschen einfliegen. Und weil Fliegen Freiheit bedeutet, Entgrenzung, kommt mir spontan wieder in den Sinn. Der Vogelflug bleibt mit dem mythologischen Ikarus ein Menschheitstraum, auch lange nach dessen technologischer Umsetzung in motorisierte Flugkörper, mit denen der Mensch die Vögel überflügelte. Oder meinte, dies zu können.


Warum Zeichnungen von "fliegenden Freunden"?

Weil die künstlerische Darstellung mehr ist als ein naturalistisches Foto mit hoher Auflösung von etwa 60 ppcm, jedes Handy der neueren Generation liefert solche messerscharfen Pixel-Bilder. Klar, haben Ralf Schmidts Zeichnungen eine quasi-fotografische Qualität. Die Vogelzeichnungen des US-amerikanischen Ornithologen James Audubon hatten in ihrer vor-fotografischen Zeit im frühen 19. Jahrhundert einen geschätzten dokumentarischen Wert.


Im Zeitalter der digitalen Fotografie will Vogelzeichner Schmidt dagegen mit seinem lebensechten Zeichenstil mehr als ästhetisches Wohlgefallen im Betrachter auslösen.



PURE BLEISTIFTZEICHNUNGEN - MEINE PASSION

- zu diesem Credo bekennt sich Ralf W. Schmidt auf seiner Webseite. Mehr noch - er ist bekennender Künstler-Ökologe:

Der Weg dorthin dauerte. In seiner Midlife Crisis um 2008 und nach beruflichen Jahren in dienenden Tätigkeiten als Tischler für zwei, als Forstwirt für 20 Jahre, mit 2000 gesetzten Baumpflanzlingen pro Tag, drängte es Schmidt in die wirtschaftliche Unabhängigkeit und Kreativität eines selbstbestimmten Menschen. "Öffentlicher Dienst ist weder gut noch schlecht", befindet er noch heute wertneutral. "Nur - ich passte nicht mehr."


Freude für sich und andere wollte er generieren. Sein Schritt in die künstlerische Freiheit war ebenso befreiend wie unwägbar. Doch nach 14 Jahren hat er heute einen Namen und einen wachsenden Markt für seine Bleistiftzeichnungen.

"Ich führe eine eigene Galerie mit Atelier in Caputh, zu mir kommen Kunstsammler aus aller Welt und Menschen, die ihre Kreativität wieder entdecken und zeichnen lernen wollen." (https://www.udemy.com/user/ralf-wilhelm-schmidt/)

Dabei ist ihm die Natur eine Konstante geblieben: eine unerschöpfliche Quelle seiner künstlerischen Sujets und ein Ausgleich zu seiner betriebswirtschaftlich intensiven wie kunstpädagogisch regen Lebensform, auch auf den social media.

Und so bündelt Ralf W. Schmidt seine Talente: die sichere Hand und Präzision des Tischlers und die genaue Naturbeobachtung und Fürsorge des Forstwirts und ergänzt diese doppelte Begabung und Erfahrung mit dem bis dato schlummernden Zeichentalent. Eine belebende Kursänderung in seinem 40. Lebensjahr.


"Zeichnen ist total erfüllend!"

"Zeichnen bedeutet für mich nicht abzeichnen." Diese Grenze zieht der Künstler ganz klar. Natürlich, räumt er ein, seien die Proportionen eines Vogels geometrischen Formen ähnlich: "Der Körper gleicht einem Kegel, der Kopf einer Ellipse." So ist ein Vogel eben aufgebaut. Solche Grundkenntnisse seien basal, damit fange die zeichnerische Wiedergabe an. Denn: "Zeichnen ist ein Handwerk!"

Foto: Ralf W. Schmidt

Doch im Prozess des Zeichnens werde mit jedem Bleistiftstrich, mit jedem Detail mehr aus dieser Abstraktion des Anfangs. "Wie komme ich ihm näher?" Das ist die Leitfrage des Künstlers im Gestaltungsprozess. "Du bringst deine Sicht auf das Objekt ein, erschaffst deine eigene Kreatur." Geradezu beseelt von seiner Schaffenskraft lässt der Zeichner tief blicken: "Es kommt dann eine Phase, da meinst du, du kannst den Vogel anfassen. Du bist sein Schöpfer. Das ist total erfüllend!"


Foto: Ralf W. Schmidt

"Je lebendiger wir als Betrachter eine Zeichnung empfinden, je mehr fühlen wir uns angesprochen, emotional, meine ich."


Die Ästhetik liegt unbestritten vor uns, wenn wir uns den Vogelzeichnungen von Ralf W. Schmidt nähern. Und über den emotionalen Appell wird uns Betrachtern Naturschutz vor Augen geführt: die Schönheit der Schöpfung zu bewundern und zu erhalten. Die Ausstellung "Meine fliegenden Freunde" ist ein Tribut an die Anmut und Artenerhaltung in unserer heimischen Vogelwelt.


Wer kann sich diesem fesselnden Blick entziehen?!
Ralf W. Schmidts Adlerporträt auf der Caputher Kunsttour 2022: https://www.schwielowschwatz.de/post/die-caputher-kunstszene-bl%C3%BCht-auf-am-ende-des-sommers-2022-tag-2

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