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  • crystalcove15

Jingle Bells - "Zack, zack, zack, das sind Hufe!"

Handglockenchor Caputh probt Weihnachtslieder

Freitagabend. Heute läutet's. Aber nicht zur vollen Stunde von der Kirchturmspitze, sondern von Hand der Glockenspieler im Gemeindehaus nebenan. Ganze zwei Stunden lang.

Einen Schnupperkurs

hatte Andra Sauerborn Musikfreunden angeboten, wenn sie mit ihrem Handglockenchor probt, immer freitags ab 19:30 Uhr, im Gemeindehaus der Evangelischen Kirche Caputh. Ich mag schnuppern und ich mag Musik, also gehe ich hin, am 29. Oktober 2021.


Flinke Füße, fleißige Finger - der Saal bevölkert sich mit Glocken und Glockenspielern. Und der Chorleiterin. Klapptische werden aufgestellt, die Tischflächen mit Schaumstoffauflagen gepolstert, das schluckt den Schall, wenn Handglocken nach ihrem Klangeinsatz wieder abgestellt werden, weiße Tischdecken verbergen die Technik, es sieht festlich aus.

Die goldfarbenen Glocken ruhen in formgerechten Vertiefungen auf dunkelrotem Samt in schwarzen Attachékoffern mit Messingbeschlägen - eine Augenweide! Kostbare Instrumente! Aus blank geputztem Messing mit Griffen aus schwarzer Plastik und einem Klöppel, der mit Gummi umgeben ist, sollen die Glocken von geschickten und kräftigen Händen in weißen oder schwarzen Baumwollhandschuhen zum Klingen gebracht werden.

Weiße Handschuhe - ein stylisches Outfit fürs Auge der Konzertbesucher? "Nein", lacht Julia. Eine praktische Überlegung: "Handglockenspielen ist ein Kraftakt! Handschuhe saugen den Schweiß auf, der den Ton der Glocke verändern könnte. Und schonen das sensible Material der Glocke vor der Hautsäure."


Glocken mit schwarzem und weißem Teller? "Ja, wie die schwarzen und weißen Tasten auf dem Klavier", klärt mich die Chorleiterin Andra Sauerborn auf. Und auf den Griffen blinkt die Notenbezeichnung in Goldschrift.

Kleine Glocken, mittlere, große? "Die kleinen Glocken geben höhere Töne ab als die mittleren und großen. Insgesamt decken unsere

Glocken fünf Oktaven ab", erklärt Julia.

"Große Glocken sind schwerer zu schwingen", ergänzt Mario, Julias Mann, "die sind tendenziell was für Männer. Die größte wiegt 3,5 kg. Aber zu unserem Chor gehören auch Frauen mit Power!"


Und Frauen-Power gibt's im Caputher Handglockenchor wirklich zu Genüge!

Henrike zum Beispiel ist seit 1993 dabei und bis heute "total begeistert" von den Instrumenten und der Chorgemeinschaft.

Brita kommt heute später zur Probe, "wegen meiner Arbeit, die geht freitags erst spät zu Ende. Aber ich komme immer, seit 2016. Da wollte ich nur eine Probe angucken. Und fand es total gut! Obwohl ich keine Noten lesen kann", gesteht sie, "aber bis vier zählen, das kann ich schon", sagt sie lachend.


Keine Noten lesen können? "Na ja, in Grenzen schon", bestätigt Julia, "jeder muss mit zwei Glocken ja nur zwei Töne treffen. Aber dabei auch auf die Tonlänge achten." Andere nehme es mit vier Glocken auf, je zwei in einer Hand - "four in hand" heißt dies unter Handglocken-profis.


Die Probe beginnt


"Winter Wonderland" ist das erste Probenstück für den Chor heute Abend ist . Alle Spieler, 11 insgesamt, stehen an ihren Plätzen, vor Glocken und Notenpulten, behandschuht, mit Spannkraft und Konzentration.

Andra Sauerborn dirigiert kurze Weilen, gibt dann ein schnelles Handzeichen zum Einhalten, macht ihre Ansagen:

  • "Was ihr da macht, ist Zuckerguss, nicht essentiell. Also nochmal!"

  • "Und jetzt noch mehr die Rhythmisierung reinkriegen: ta-tam-ta-tam - in diesem Tempo, nicht schneller."

  • "Jetzt nochmal ein bisschen schneller!"

Dann das erlösende "Ja! Jaaaa!" der Chorleiterin und ihr finales "Guuut!" Das Stück sitzt - für heute. Die Glocken sinken auf die gepolsterte Tischfläche oder werden auf die bekleidete Brust geführt - mit gleicher Schall-dämmung. Stille. Und dann frohes Geschnatter nach der ersten musikalischen Trimmstrecke.


"Have Yourself a Merry Christmas" - fürs Einspielen der nächsten Weihnachtsmelodie setzt Andra Sauerborn einige Spieler um, an andere Glocken und Notenständer. "Flexibilität ist wichtig in einer Chorgruppe", erklärt sie mir später. "Es darf keine Langeweile aufkommen, wenn jeder nur auf die eigenen Noten fixiert ist. Oder wenn sich jemand unterfordert fühlt." Wer entscheidet über den Wechsel? "Na, wer schon, ich", antworte Andra ebenso sachlich wie lächelnd. "Je nach Anforderung des Übungsstücks und je nachdem, wer es nicht nur will, sondern auch kann."

Andra Sauerborn kurbelt an: "Ein bisschen Körperbewegung kann nicht schaden. Ihr müsst in Gang kommen. Nicht so schlafmützig." Klar, diese Choreografie passt zu Merry - fröhliche - Christmas! Der Chor gibt alles, liefert ein stimmiges Klangergebnis und macht auch noch eine bella figura. Und verdient ...

... 10 Minuten Pause!


Ich horche mich ein bisschen um:


Aus den USA stammen alle Glocken im Caputher Handglockenchor, erfahre ich von der Chorleiterin. Auch Neuanschaffungen kommen dorther, so höre ich von Julia, werden von nur zwei Firmen landesweit hergestellt und vertrieben: Schulmerich und Malmark.


Überhaupt steht der heutige Abend wie auch die 32-jährige Geschichte des Caputher Handglockenchors im Zeichen US-amerikanischer Tradition. 1987 tourte ein amerikanischer Handglockenchor durch Deutschland, trat auch in der Caputher Kirche auf, unter anderem mit Folksongs wie "We Shall Overcome", der in den 1950er- und 1960er-Jahren zum Protestsong der Afro-Amerikaner wurde. Die Caputher sind angerührt in ihrer damaligen politischen Situation, geben ihre Begeisterung zum Ausdruck, die Amerikaner fühlen sich angesprochen durch so viel Anklang. Sie kommen zurück und schenken der Gemeinde 18 Handglocken aus US-Kirchen.

Foto: Handglockenchor Caputh e.V., von mir leicht verändert

Der Handglockenchor Caputh wird 1989, noch vor der Wende, aus der Taufe gehoben, nennt sich - dankbar über Zuspruch und Geschenke ihrer US-Gäste - auf Englisch "Peace Bell Choir Caputh". Fast schon ein Aufbruch in die freie Welt.


1990 dann die ersehnte erste Tour mit dem Caputher Handglockenchor durch die USA. Inzwischen ist das Ursprungs-Geschenke-Set auf 61 Glocken angewachsen.


"Mit Reisen ging es weiter", schwärmt Sören Wintz, der seit 1991 Dauerspaß am gemeinsamen Musizieren mit Handglocken hat. "Es gibt in Deutschland nur ca. 40 Handglockenchöre insgesamt. Mit einem besonderen Instrument durch die USA, Dänemark, Polen und Österreich touren - wir sind schon was Besonderes!"

Das findet auch Jürgen,

1989er-Gründungsmitglied und seitdem "mit Feuer und Flamme dabei".


"Chor und Glockenchor lassen sich verkuppeln", hat Wolfgang erfahren. Er zog vor acht Jahren nach Caputh, ein begeisterter Chorsänger aus Groß Kreutz. Sein Herz schlägt für beide Orte und Musikprogramme. Er rührt die Werbetrommel und 2016 treten der Gemischte Chor Groß Kreutz unter Leitung von Martina Maaß und der Peace Bell Choir Caputh mit Andra Sauerborn gemeinsam in Werder auf, präsentieren ihre Kunst in Blöcken von drei, vier Gesangstiteln und ebenso vielen Glockenspielen. "Getrennt musizieren, sonst übertönt der eine Chor den anderen, aber zusammen Musik erleben - das ist Größte", schwärmt der singende Glockenspieler.


Andra Sauerborn leitet den Caputher Handglockenchor seit 2015, damals noch ahnungslos, was da auf sie zukommen würde, trotz ihrer musikalischen Ausbildung und Praxis als Stimmtrainerin, Chorleiterin und Gesangslehrerin. Ihre Chormitglieder sind Ehrenamtler. Andra spricht über sie und ihre gemeinsamen Proben mit viel Verständnis und einer Prise Strenge:

  • "Fast alle von uns haben mit Jobs zu tun, ich auch, und freitagabends ist Probenabend, das Wochenende naht, aber Relaxen ist noch nicht in Sicht."

  • "Seid ihr heute vollzählig?", frage ich.

  • "Nein, eigentlich sind wir 13. Wenn Spieler fehlen, wie heute, dann fehlen Töne. So, als wären Klaviertasten stumm. Das irritiert dann die anwesenden Spieler, weil sie ja die Melodie kennen."

  • "Alle wiederholen so geduldig dieselben Takte drei, vier Mal, wenn du verkündest: Nochmal bitte!"

  • "Das ist Übung!"

Die zweite Probenhalbzeit


"Jingle Bells" - ein Song, der um die Welt geht, ein Weihnachtsklassiker, wie man meint, weil er ja zur Weihnachtszeit über den Äther und die Streamingdienste uns hinlänglich zu Ohren gebracht wird. Selbst aus dem Weltall wurde er schon übertragen, 1965, von der Mundharmonika der US-Gemini-6-Astronauten an die Bodenkontrollstation. Doch dieses Lied erzählt nichts vom heiligen Fest, sondern von einem Pferdeschlittenrennen von Jugendlichen, die mit ihrem schnellen Schlitten Eindruck bei jungen Mädels schinden wollen ("Go at it while you're young / Take the girls tonight"). Die Glocken ("bells") sind Schellen am Pferdegeschirr, um in der Schneelandschaft Zusammenstöße mit anderen Schlitten zu vermeiden.

Die Spieler in der heutigen Chorprobe versuchen, den lebendigen Rhythmus von "Jingle Bells" ihren Handglocken zu entlocken, in einer eigenen Klangdarbietung, fernab der kommerziellen Versionen.


"Nicht so schnell", kommt Andra Sauerborns Ansage, "das sind Pferde, keine Ponys!"


Recht hat sie: "Bells on bob-tail ring". Ein bob-tail ist Pferd mit gestutztem Schwanz, das Lasten ziehen kann wie etwa einen Schlitten, es wird nicht davongaloppieren. Die Handglocken werden entsprechend langsamer geschlagen.


Kurz darauf Andras nächste Korrektur: "Ihr müsst auf Takt sein: Zack, zack, zack - das sind Hufe!" Nochmal das Ganze.


Und zu guter Letzt: "Jetzt seid ihr auf Zack, ja. Aber es fehlt mir das fortissimo!" Das kommt dann im vierten Probelauf.

"Still, still, still, He sleeps this nigth so chill"-


Die Melodie des österreichischen christlichen Wiegenlieds erklingt aus den Handglocken sanft, andauernd, fast ohne Unterbrechung und "Sehr schön!" Ich klatsche Beifall, stellvertretend für ein kirchenraumfüllendes Publikum, das heute nicht in den Klanggenuss kommt so wie ich.


Froh über ihre ansteigende Leistungskurve recken und strecken sich die Glockenspieler, lassen ab vom schweren Instrument.


Doch: noch kein Abpfiff! "Von wegen Schluss! Wir haben noch 10 Minuten und noch ein Stück!" So holt die Chorleiterin ihre Truppe aus dem Schlafmodus zurück. Da ist noch eine Kraftreserve, weiß sie.

"Up on the housetop .., reindeer pause / Out jumps good ol' Santa Claus" - Ja, das geht noch, ein weltlicher Song zum Nikolaustag. Und wunderbar belebend nach fast zwei Stunden Kraft- und Klangtraining!


Schluss und aus


Der Abbau nimmt die nächsten 15 Minuten in Anspruch.


Messing polieren.


Glocken zurück in den Koffer.


Diese wegtragen und in Schränke einschließen.


Tische zusammenklappen.


Wegschleppen.


Arbeitsmaterialien alle verstaut.




Und damit macht die erste gute Nachricht die Runde zu mir und anderen Laien, die geneigt sind, beim Handglocken-schwingen mitzumachen: zu Hause üben fällt aus, denn die kostbaren Glocken bleiben vor Ort, sicher unter Verschluss.




Und noch mehr gute Nachrichten

Das 32 Jahr alte / junge Ensemble hat noch Plätze frei! Die Chormitglieder freuen sich auf zukünftige Mitspieler, vor allem aus der jüngeren Generation.








Das bringt ihr mit bzw. das erwartet euch:

  • Ihr seid nicht jünger als 9 oder 10 Jahre.

  • Ihr wollt euren Freitagabend alternativ verbringen, mit Chorproben von 19:30 bis ca. 21:30 Uhr.

  • Vorkenntnisse braucht ihr nicht, Noten lesen müsst ihr nicht können.

  • Hausaufgabenfrei! Zu Hause müsst und könnt ihr nicht üben.

  • Taschengeld gespart: Ihr braucht keine eigenen Instrumente.

  • Kauft aber bitte ein Paar dünne Baumwollhandschuhe, in eurer Lieblingsfarbe, um die Glocken zu schonen.

  • Kraft und Konzentration fürs Glockenschwingen könnt ihr entweder mitbringen oder bei den Chorproben "erwerben".

  • Applaus: Ihr tretet bei Konzerten in Caputh und anderswo vor begeistertem Publikum auf.

  • Reisen zu Gastkonzerten bringen euch in andere Gegenden und Länder - und auf andere Gedanken.

  • Ihr übt und musiziert in einer Gruppe gleichwertiger Chorspieler. Es gibt keine 1. Geige.

  • Ihr könnt eurer ebenso resoluten wie verständnisvollen Chorleiterin mit Top-Ausbildung und viel praktischer Erfahrung mit Großen und Kleinen in gemischten Chören vertrauen, dass sie euch weiterbringt.

  • Ihr werdet Freude und Gruppenzusammenhalt haben beim gemeinsamen Üben, nochmal Üben, Weitermachen und wenn euch ein harmonisches Glockenspiel gelingt. Und das kommt am Ende heraus - ganz sicher! So habe ich heute bei der Probe erfahren können. Allein für mich als Zuschauerin und Zuhörerin - Freude pur!

Vertraut einem Veteranen des Handglockenchors:


"Du musst dafür brennen", versichert mir Senior-Mitglied Jürgen, heute Ruheständler, mit Blick zurück auf über 30 rhythmische Jahre mit k(l)ein bisschen Frust und viel mehr Freude im Chorleben.

"Dann schaffst du das! Dann bleibst du!"









Und die letzte gute Nachricht

Am Heiligabend, zwischen Abend- und Mitternachtsgeläut der Kirchenglocken, tritt um 22 Uhr der Handglockenchor mit Andra Sauerborn in der Evangelischen Kirche Caputh auf.


Weihnachtsgäste können das Glockenspiel des Chors in vollen Zügen genießen.


Das wird ein Klangfest!


Bis dahin gibt es noch ein paar Probenabende!



Kontakt:

Andra Sauerborn, Caputh

T. 033209 20366





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