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  • AutorenbildHilda Steinkamp

"Die Zeit ist knapp - aber gemütliche Atmosphäre ... ich kann von anderen lernen"

Aktualisiert: 20. Sept. 2023

Wege durch Vietnam (1): Samstags-Seminare in Hanoi + Sonstiges

Dies sind Originaltöne von jungen vietnamesischen Lehrkräften u30 (li), die mit Energie und Ausdauer dreieinhalb Stunden voller Kopf- und Kommunikationsarbeit mit zwei erquicklichen Pausen zwischendurch in gekühltem Raumklima erlebt, genossen und ein bisschen erlitten haben. Und all das in ihrer kostbaren Freizeit am Samstagvormittag bei 32° unter lastender grauer Wolkendecke, die auch Mitte September in Hanoi im Norden Vietnams die subtropische Sonne in ihrer Strahlkraft nicht bremsen kann.


Und es könnten auch meine Worte sein. Wie das? Während sich zu Hause der heiße Sommer im Staffellauf der Jahreszeiten dem herannahenden Herbst in Demut beugt, so höre ich,

Ha Long Bay

tauche ich ein in eine fremde südostasia-tische Kultur im Dauerhitze-Modus mit sporadisch üppigen Regenmengen im Norden und in einen neuen Arbeitskontext als Expertin im Senioren-Stand, die ihren beruflichen Service im Dauerbrenner >Bildungssektor< am anderen Ende der Welt feilbietet.

Es ist vielleicht nicht gemütlich ...

hier in der 8-Millionen-Hauptstadt, aber spannend und entspannend - in diesem belebenden Wechsel, in dem auch unser Herzschlag pulsiert. Und Atmosphäre - die spüre ich auf Schritt und Tritt auf meinen Wegen durch Hanoi. Zu Fuß oder mit dem schnellsten und günstigsten Taxi der Stadt, dem motorbetriebenen Zweirad - Moped, Motorroller oder Motorrad. 4 km Fahrt kann ich mir locker leisten für umgerechnet € 1, Aufschlag von ein paar Cent in der rush hour. Da wollen alle. Oder beim Besuch des US-Präsidenten (wie am 10./11.09.2023), da schaffen es nur wenige bikes durch die Staus wegen der vielen Straßenblockaden. Sanfter Preisnachlass bei Regen, da will ja keiner auf dem unbedachten Sozius sitzen. Angebot und Nachfrage regieren auch die "Marktwirtschaft mit sozialistischer Orientierung", mit der Vietnam Mitte der 1980er-Jahre die Planwirtschaft ablöste. Und immer wieder erspähen meine fokussierten Augen Kontraste von Luxus nach westlichem Muster und authentischen, historisch gewachsenen Strukturen in den Stadtvierteln:


Pausieren und parlieren

lässt es sich in noblem bis gestyltem Ambiente.


Wer dagegen das Echte sucht, findet es in den unzähligen Cafés an jeder Ecke. Ihre schlichte Einrichtung und ihre köstlichen Kaffeevariationen - auf Eiswürfel der Hitze wegen - locken Jung und Alt in einen wohltuenden Schattenbereich unter Vordächern aus Blättern, Holz oder Segeltuch, auf den schmalen Sitzbereich zwischen Hauswand und parkenden Mopeds auf dem Gehweg. Tag und Nacht.


Mit dem Pfeil > am rechten Bildrand kann man sich durch die Foto-Folge klicken, hier und an weiteren Stellen in meinem Bericht:

Ruhen und relaxen

  • Das geht kostbar und kostspielig auf dem Rooftop eines 5-Sterne-Luxus-Towers im noblen West Lake Viertel mit internationalen Gästen, bei trübem Niesel-Wetter eine Ruheinsel ohne Touris, um hoch über der pulsierenden urbanen Geschäftigkeit den Augenblick zu erleben und sich im Zen-Gegenwartsbewusstsein zu üben:

  • oder authentisch und nachhaltig mitten im Old Quarter, lebendig, chaotisch - echt, im Yoga-Club, versteckt im Inneren eines schachtelartig verbauten Wohn-Geschäfts-Komplexes, Körperspannung aufbauen und halten, seine Sehnen und Sinne erweitern und meditativ abtauchen:

  • oder beim ent-nervenden Ausgleichssport in Ha Noi, der Stadt, die mitten im Wasser liegt - so die Ursprungsbedeutung, wo Männer sich dem Angeln im Stadtsee Hô Ðông Ða widmen, der Catch-of-the day keinen Fang für den Mittagstisch verspricht, sondern Fischen eine Übung in Geduld und Mitleid für die erhaschte Kreatur bedeutet, die wieder ins Nass entlassen wird:

Rollen und rasen

Mopeds, Motorroller und Motorräder in vorteilsuchender Slalomkurventechnik liegen sicher in den Händen von Fahrern beiderlei Geschlechts, aller Altersgruppen. Ihnen allen eigen ist eine Naturbegabung für ebenso riskante wie rücksichtsvolle Ausweichmanöver. Bei fünf Millionen Mopeds und vier Millionen Fahrrädern allein in Hanoi - da bleibt wenig Platz für kommunale Großzügigkeit wie etwa in der deutschen Hauptstadt, wo neuerdings auf fortgesetzte öko-politische Impulse hin in verkehrsdichten und unfallträchtigen Bezirken eine von zwei Straßenspuren allein für Fahrräder umgewidmet wurde, zur Sicherheit der Fahrradfahrer, aber auch zur hinderlichen Entschleunigung von PKW- und Busverkehr - und mit noch mehr ungewolltem CO2-Ausstoß bei Stop-and-Go.

Auf Schnellstraßen quer durch Hanoi genießen Zweiräder allerdings eine eigene Fahrspur mit Sicherheitsbarriere zum tosenden E- und Verbrennermotortreiben:


Selbst die Kleinsten, auch hier wieder ohne Geschlechtergrenze, aber durchaus mit Genderprägung zwischen mädchenhaft und martialisch, üben sich zeitig in ihrer mobilen Geschicklichkeit auf verkehrsberuhigten Innenstadtstraßen am Wochenende:





Fußgänger - ja, auch beiderlei Geschlechts - haben im regellosen Verkehrsgewimmel einen schweren Stand. Es sei denn, sie nähern sich zügig der Kreuzung, nehmen Blickkontakt auf und überqueren die Bahn furchtlos und langsam, auch mit beruhigendem Handzeichen, sodass die geübten Fahrer elegant abbremsen oder ausweichen können.


Es gibt Zebrastreifen mit Vorrecht für die Zweibeiner, sie sind aber kaum mehr als Dekoration auf dem Asphalt. Freier Gang wie auch freie Fahrt sind hier eher die Ausnahme:

Nur Verkehrspolizisten haben einen flüchtigen Achtungserfolg im Vehikel-Gewimmel. Die Uniform weckt Regeltreue. Jenseits ihres Blickfeldes geht es drunter und drüber - gern auch rauf auf den Gehweg bei Stau auf der dichten Fahrspur:

Nur - willst du dich bewegen auf Hanois 3.360 km² großen Stadtfläche, zwischen Hotel und Arbeitsplatz pendeln - möglichst ohne Zeitverlust in der rush hour - und auf das frühnächtliche Freizeit- und Vergnügungsangebot (es dunkelt hier um 17:30) auch nur ansatzweise zugreifen, dann ist Mopedbeifahren auf dem Rücksitz angesagt. Der Fahrtwind übertrifft mühelos jede Klimaanlage, der Fahrstil jeden Thrill-Effekt im Action-Kino, dein Vertrauen in Balance und Technik wächst:

Bei Wind und Wetter mobil auf zwei Rädern:


Von Vietnamesen lernen,

kann ich vieles, was meine westlich geprägte Sicht von Menschen und Gesellschaft betrifft, und diese im Not- bzw. Glücksfall aus fernöstlicher Perspektive revidieren.

Bildung bringt weiter - zum Beispiel ausreisewillige junge Leute mit Abitur und deutschem Sprachniveau B1 bis ins 12.000 km entfernte Deutschland. Im vielbeachteten deutschen dualen Ausbildungssystem wollen junge Vietnamesen einen Beruf lernen, eine Arbeit suchen, unseren Fachkräftemangel lindern, solide Löhne für qualifizierte Arbeit einfahren - und das mit dem Willen zur Integration. Und ihre bescheiden lebenden Familien auf dem Lande mit monatlichen Zuwendungen über Wasser halten. 150 abgezweigte Euro zwicken den vietnamesischen Azubi oder Jungverdiener in Deutschland nicht, bringen aber in seiner Heimatfamilie mit umgerechnet knapp 4 Mio. VN Dong ein spürbares Mehr an Lebensstandard. Im Vergleich: Das Durchschnittseinkommen für einen vietnamesischen Arzt im städtischen Krankenhaus liegt bei € 220 monatlich.


Bildung öffnet den Blick vieler weltoffener Vietnamesen mit Studium, die ich allein in meinen ersten beiden Wochen kennenlernen konnte. Und zwar weit über den Tellerrand einer kommunistisch geprägten Gesellschaft hinaus, bekannt für die Engführung einer Einheitspartei, die das Gute für die Bevölkerung will, aber in ihrer politischen Programmatik wie in der operativen Umsetzung diesem Anspruch nicht unbedingt gerecht wird. Die rote Nationalflagge Vietnams flattert in Farb- und Freundschaftsharmonie neben jener der kommunistischen Partei (auch der ideologischen Bruderstaaten) - an kapitalistisch geprägten Konsumtempeln auf Prachtstraßen ebenso wie auf öffentlichen Plätzen und vor handwerklichen Kleinstbetrieben in Gassen und Winkeln:


Die Bildungsabschlüsse "meiner" Vietnamesen - nach vier Jahren Bachelor-Studiengang - sind gekoppelt an einen starken Fortbildungswillen. Lifelong learning. Deshalb bin ich hier. Als Teacher Coach. Denn eine didaktisch-methodische Lehrerausbildung nach der Uni gibt es in diesem Land nicht. Training-on-the-job ohne Mentor - wie soll das gehen? Es gibt so viele Tricks und Kniffs - auch Methodik genannt. Vom didaktischen Know-how mal ganz zu schwiegen: Wie geht man sinnvoll mit den Inhalten eines Lehrbuchs um, das ja auch aus gewinnträchtigen Überlegungen von einem Verlag auf den konkurrierenden Markt geworfen wird?


Tja - für ein Lebenlang Coaching wird es bei mir nicht mehr reichen. Als Senior Expertin. Aber für den Moment von drei Monaten möchte ich meinen Beitrag geben für die Lehrerinnen und Lehrer, die gerade noch ihre Kurse in der Königsdisziplin Deutschlernen gefordert und gefördert haben und schon bereit sind, selbst wieder zu Lernenden zu werden. Und im Team ihre Fachkompetenzen zu erweitern, auch die sozialen am Früchte-und-Kuchen-Büffet:

Business: Sozialismus und Kapitalismus in gesellschaftlicher Eintracht - ja, diesen Eindruck mag man gewinnen vor den Shopping Malls in Hanoi Old Quarter wie der VinComCenter-Kette oder einem Konsumtempel wie der Trậng Tiền Plaza. Umgeben von US-amerikanischen Importen wie McDonald's, Starbucks, KFC (Kentucky Fried Chicken) und Cheerleader-Tanz auf dem Platz. Und mit dem Tòa nhà DOJI TOWER in kommerzieller Nachbarschaft, dem größten Diamant-Gebäude Hanois mit Prestige-Büro-Immobilien:

Stöbern im Luxussegment geht für alle, konsumieren gilt für wenige:

Im alltäglichen Straßenleben hingegen strampeln viele, auch noch 80+Jährige, um das tägliche Überleben: auf ihren Zweirädern mit Pedalen, mit Schubkraft hinter ihren Handkarren, mit traditionellem Tragejoch auf ihren Schultern, auf Plastikschemeln oder im Schneidersitz auf dem Boden.

Das Prinzip des Verkaufs frei Haus hat sich bewährt. Ebenso die Ankunft der mobilen Händler in den Nebenstraßen, denen ein skandierender Marktschrei per Lautsprecher vorauseilt. Fast glaubt man als naiver Ankömmling, man hätte den Gebetsaufruf des moslemischen Muezzin vernommen. Aber wir sind ja im Buddha-Land.


Straßenverkäufer kennen weder Gewinnstreben noch Sozialleistungen nach dem Renteneintrittsalter. Noch bis vor Kurzem gingen weibliche bzw. männliche Werktätige mit 50 bzw. 60 Jahren in Rente, inzwischen etwas später, mit 55 bzw. 62.

Straßenverkäufer in Hanoi mischen sich agil und unerschrocken in den Verkehrsstrudel. Sie handeln mit Obst, Blumen und Gemüse, mit Reissäcken und Hausrat, auch sperrigem wie Matratzen, mit Zement und Ziegelsteinen, die schweren oder unhandlichen Waren dann gern auch per Moped oder Motorrad.


Auf Lasten-Fahrrädern sind sie unterwegs, mobiltechnisch weit entfernt von den Nobelrädern etwa in unserer Hauptstadt. Im XXL-Format mit Anhänger und E-Antrieb und nicht unter 4.000 Euro zu haben, sind deutsche Lastenräder zum Lifestyle-Label von sog. nachhaltig alternativen Mobilitätsvertretern in PKW-feindlichen und parkgebührenintensiven Innenstadtbezirken geworden.


Lebenslange Mobilität per Rad und gesundes Essen - klingt wie eine asiatische Lebensversicherung. Dennoch - die Lebenserwartung von Vietnamesen liegt um zehn Jahre für Männer bzw. um fünf Jahre für Frauen unter dem deutschen Durchschnitt (79 bzw. 83). Da spielt die medizinische Versorgung sicher mit.


Besitz im Buddha-Land: Armut trifft breite Bevölkerungsschichten Vietnams unverschuldet. Sie konkurriert mit der freiwilligen Armutsverpflichtung buddhistischer Mönche und dem Konsumverzicht spirituell ebenso eingestimmter Menschen, die sich Wohlstand eigentlich leisten könnten.


Statt sich etwa in gated communities US-amerikanischen Stils wie den VinHome Riverside Villas im nordöstlichen Vorort Long Biên einzumieten:

oder in bescheidenere Unterkünfte einzuziehen wie in Hoàng Càu, wo auch mein Hotel liegt:

statt Besitztümer in Haus und Garage anzuhäufen, den neuesten Fashion Styles oder Updates traditioneller Tracht nachzueilen:

gilt der inwändig gerichtete Blick der Buddhisten, die ich im Arbeitskontext erlebt habe, eher dem Engagement für andere, auch im Ehrenamt nach einer hier üblichen Frühpensionierung. Yogalehrer sind die meisten selbst, ihre Kundschaft auch sie selbst, ihr meditatives Ziel: Selbst- und Menschenliebe. Wobei Letztere eine erfrischend östliche Note hat: eine Nähe zu anderen aufzubauen, ohne abhängig davon zu werden, ob andere uns auch lieben oder für uns sorgen. Heureka! Raus aus der Enge unserer westlichen Abhängigkeiten! Und der Enttäuschung, wenn wir feststellen, dass die Gefühlswaage bei Partnern nicht beidseitig gleichermaßen stark ausschlägt. Die loving kindness, die Liebens-Würdigkeit, mit der Hinduisten anderen Menschen und Lebewesen allgemein begegnen, ohne bilanzierenden Anspruch an ihr Gegenüber, entspricht der buddhistischen Liebesvorstellung aus anderer spirituellen Quelle.

Die Zeit ist knapp, ja - leider ...,

aber ich werde fast drei Monate in Hanoi und an zwei anderen Standorten in Flugentfernung verweilen, um mich der Förderung der deutschen Sprache zu verschreiben. Und dabei auch zarte Zeichen setzen als Botschafterin für unser Land. Eine lange Weile - ohne Langeweile.


Und Zeit, die nehmen sich Vietnamesen. Für vieles: für noch verträglich verspätetes Erscheinen der Studierenden in den Sprachkursen, was mit entwaffnenden Verbeugungen vor Lehrkraft und deutschem Gast und gewinnendem Lächeln oder Lachen in die Runde zeremoniell begleitet wird. Vietnamesisches Lächeln ist in dieser Situation kein freches Feixen, wie wir es von deutschen Jugendlichen kennen, sondern Ausdruck von Verlegenheit oder Scham, so habe ich mir diese kulturelle Differenz erklären lassen.


Komfortabel erlebte Zeit gibt es auch für Mittagspausen, selbst wenn sie begrenzt sind, aber mit gesündester und vielfältiger Frischkost Slow-Food-Genuss versprechen.

Das erste Business-Lunch mit meinem neuen Kollegenkreis der EI Group Hanoi (Education Investment):


Gleich nach meiner Ankunft am Flughafen Nôi Bài in Hanoi, nach dem Transport zum Hotel mit dem Shuttle-SUV der EI Group und noch mit Jetlag im vegetativen System kam die großzügige Einladung ins Gourmet-Restaurant SADHU Hanoi, dem Gipfel aller vegetarischen Kochkunst, die jedes Fleischgelüst vergessen lässt:

Beliebter noch als fine dining sind die einfachen Kulturküchen in Hanoi. Verhungern ist hier eher schwierig. Das Angebot ist reichlich, minütlich frisch gekocht, der Preis für Street Food mehr als manierlich. Unsere Fast-Food-Ketten fallen weit ab, was Kommerz und Qualität anbelangt. Mit seinen geschmacksintensiven Street Foods hält Vietnam den weltweit niedrigsten Spitzenpreis: 60.000 bis 90.000 VND - 2,40 bis 3,60 Euro - für ein komplettes Gericht sind mehr als verträgliche Preise für Qualitätszutaten, die zudem noch satt machen. Und von stets freundlichsten Bedientesten mit Löhnen im Niedrigpreissektor serviert werden.

Meine Wahl:

BÚN BÒ TRÔN - fettarme Rindfleischstreifen mit gerösteten Zwiebeln und frischen Kräutern auf Reisnudeln mit Würzsauce für magere € 3,00.



Street-Food-Lokale reihen sich in Hanoi wie Perlen aneinander und säumen die langen Straßenzüge der 8-Millionen-Stadt.



Knackig voll, lebendig und lautstark - das sind diese schlichten Lokale mit ihren offenen, dampfenden Kochstellen am Eingang, den wackeligen Holzbänken oder Plastikhockern ohne Lehne, den unzerimoniell abgewischten und neu eingedeckten Tischplatten ohne Decken, den flitzenden Bediensteten und den laminierten Ein-Blatt-Speisekarten. Mit deren Bebilderung wäre eigentlich die Übersetzung der Gerichte ins internationale Englisch überflüssig, das eh niemand vom Personal beherrscht. Und im fremden Idiom findet sich auch keine kulinarische Entsprechung. BÚN BÒ TRÔN gibt es einfach nicht bei uns im Westen, auch nicht in der englischen Übersetzung als Mixed Beef Rice Noodle. Um zu sehen und zu kosten, was das ist, muss man sich auf einheimische Empfehlung herlocken lassen, wie ich von meiner Projektleiterin Nam Hà nach unserem ersten Samstags-Seminar in Hanoi:

Selbst Spring Rolls (im letzten Bild) sind nur die namentliche Entsprechung von BÙN NEM. Die frisch gemachten vietnamesischen Frühlingsrollen sind nicht nur fotoästhetisch eine andere Qualität als die traurigen Gebilde aus unserer Tiefkühlabteilung, die in der Pfanne reichlich Fett ziehen, weil uns das leichte asiatische Reisöl in der Küche fehlt. Sie sind eine Geschmacksexplosion. Wie das? Das wird ein anderer Blogbericht über meine erste selbstgemachte Frühlingsrolle nach Rezeptur eines Einheimischen in Ha Long Bay enthüllen. Einfach Risiko eingehen bei fremd klingenden Gerichten. Probieren. Wie alles hier in Vietnam, nicht nur die Speisen. Das bringt den Gewinn. An Geschmack. An Gefallen. Und an Genuss.


Gleich beim Empfangs-Lunch am Anreisetag mit Chef und Projektleiterinnen meiner Einsatzstelle habe ich meine Essgewohnheiten umgestellt: Hauptmahlzeit nicht mehr am Abend eines lückenlos gefüllten Arbeitstages - mit der Beschwernis in der Verdauungsmaschine Magen und den nächtlich nicht genutzten, unverbrannten Kalorien, die sich in gewissen Körpernischen einlagern. Nein, dinieren wird mir jetzt in der Mitte des Tages vorgelebt. Mit der Muße zu genießen und in geselliger Runde meine Batterien mehrfach wieder aufzufüllen: kulinarisch, kommunikativ, raumästhetisch.


Sympathisch auch, dass sich Berufler nach vollendetem Mittagsmahl in ihre Büroräume zurückziehen und dort in ergonomischen Decliner-Bürosesseln ein Nickerchen machen - das ist allgemein akzeptiert und muss nicht geschickt kaschieret werden als meditative Kraft- und Kreativphase. Deutschsprechende Vietnamesen lieben dieses Wort wegen seiner lautmalerischen Qualität. Aus ihrem Munde klingt [nidscherschn / niggerschen] wie ein beruhigendes Schlafgeräusch.

Apropos Sprache: Nicht nur in meinem Kopf hat sich schnell Hochachtung verbreitet für das Bemühen so vieler Vietnamesen (aktuell 1500 Präsenz-Lerner plus 500 Online-Lerner an meinen drei Standorten) um unsere stark flektierte deutsche Sprache: mit drei bestimmten, drei unbestimmten Artikeln, vier Fällen, vier Zeiten, zwei Partizipien, zwei Aktions- und drei Steigerungsformen, Satzgefügen para- und hypotaktisch, Wechselpräpositionen, trennbaren Verben, Endlos-Komposita und, und, und - das alles gibt es so nicht im Vietnamesischen. Diese und andere Kuriosa gehen deutschen Muttersprachlern zwar leicht über die Zunge, zählen aber kaum zu ihrem bewusst gespeicherten und abrufbaren Wissen. Müssen sie auch nicht. Muttersprache kommt ja eben wie die Muttermilch von der Quelle - aufgesaugt, nachgeahmt, spielerisch, genüsslich, ohne quälende Grammatiklehre, ohne zeitraubende Übungen, kein Wiederkäuen ohne Ende. Ich bekenne meine Bewunderung für meine vietnamesischen Zweitsprachler mit den ihnen vertrauten ehrfürchtigen Gebärden: der Buddha-Gebetshaltung und einer angedeuteten Verneigung. Das wirkt entwaffnend - und erheiternd kurios von einer Europäerin!

Noch einmal zurück zur Zeit und zu Buddha:


Der größte Fehler, den Menschen machen können, sei zu denken, sie hätten Zeit. So wird Buddha zitiert. Fake-Zitat, weiß ein buddhistischer Forscher und Meditationslehrer. Egal. Ich betreibe hier kein Quellenstudium. Wer mag, kann ja einem solchen Pfad folgen. Mir geht es hier in Vietnam mehr um die Auffassung buddhistischer Zeitgenossen. Und die sind sich einig: "Zeit ist kostenlos, aber unbezahlbar. Du kannst sie nicht besitzen, aber du kannst sie nutzen. Du kannst sie nicht behalten, aber du kannst sie verschenken", so höre ich vor Ort und lese ich auf einer Buddha-nahen Facebook-Seite nach: (https://www.facebook.com/utassalalahreiseblog/).


Das wird mein Reise-Navigator, die Kompassnadel im Oldspeak: Meine Zeit zu nutzen, zu verschenken - an mich. Eine Prio! Für neue interkulturelle Entdeckungen. Und an andere: an die Menschen in meinem frisch geknüpften vietnamesischen Netzwerk, auch an meine Blog-LeserInnen im deutschen Newsletter-Verteiler.


Jetzt gibt es Zeit für mich! Die PC-Tastatur ruht.

Die Bilder in meinem Kopf auch.

Es ist Nacht in Vietnam.

Fünf Stunden früher als in Deutschland.


Bis bald an dieser Stelle auf meinen

"Wegen durch Vietnam"!


Hẹn sớm gặp lại!

Bis bald!




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