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"Die längste Reise der Welt"

Aktualisiert: 21. Feb.

Rainer W. Gottemeiers Rauminstallation IN EINEM BOOT im Potsdamer „Iron Roll Flagshipstore“


Der Iron Roll Flagshipstore in Potsdam hat sich mit seiner Eröffnung im Herbst 2021 Vielfalt, Inklusion und Teilhabe auf die Fahnen geschrieben.

Am 11. Februar 2022 wird der Store am Platz der Einheit in Potsdam zum Schauplatz einer Ausstellung. Der Potsdamer Künstler Rainer W. Gottemeier eröffnet seine Rauminstallation IN EINEM BOOT. Mit Licht und maritimen Objekten gestaltet er den Raum hinter der "Schaufensterscheibe als eine Art Weltbühne" (Flyer zur Ausstellung). Darauf spielen sich symbolisch Migrationsgeschichten unserer Gegenwart ab: von Menschen, die buchstäblich "in einem Boot" übers Mittelmeer nach Europa geflüchtet sind und bildlich gesprochen Zusammenhalt erlebt haben.

Die Gästerunde wird begrüßt von Sabine Raetsch, der Künstlerin, deren Ausstellung "Facetten des Lebens" am 6. Mai 2022 am selben Ort eröffnet wird.

Sie begrüßt die Gäste ebenso wie "die Entscheidung des Potsdamer Museumshauses 'Im Güldenen Arm', Kunst mitten in die Stadt zu bringen, und zwar in dieses 'Güldene Schaufenster', von dem gleich der Vorhang fällt. Der erste Aussteller ist Rainer Gottemeier, da hinten ist er ... Vor allem freue ich mich sehr, dass sich zwei Frauen bereiterklärt haben, über ihre ganz persönlichen Fluchterfahrungen hier vor Ihnen zu sprechen."



Alaa Kassab und Duaa Makhali sind die beiden Frauen aus Syrien, die 2015 bzw. 2016 in Flüchtlingsbooten nach Europa gekommen sind, in Deutschland Asyl gefunden haben und seither am deutschen Gesellschaftsleben teilnehmen.


"Rainer - dein Ausstellungsthema betrifft auch mich persönlich!"

Alaa Kassab ist 29 Jahre alt, kommt aus Aleppo und ist seit 2015 in Deutschland.

"Auch ich bin mit dem Boot geflohen", berichtet sie. "Ich kam von Izmir [Türkei] nach Chios", auf die griechische Insel in der östlichen Ägäis.








Die Fahrstrecke zwischen Izmir und Chios beträgt ca. 125 km übers Mittelmeer, für den zivilen Verkehr keine große Sache: mit der Autofähre eine sichere und schnelle Navigation von ca. 1,5 Stunden und zu erträglichen Fahrpreisen um die € 30 zu haben. Nicht so für Bootsflüchtlinge aus Syrien, die in leidlich manövrierfähigen und überfüllten Booten eine gefährliche Odyssee antreten.

"Das Meer ist eine Todesfalle. ... Ich kann mich nicht mehr erinnern, wie viele wir waren, aber wir waren etwas mehr als 20 Personen, auch kleine Kinder waren dabei. Es gab eine Hochschwangere und auch Babys. ... In dem Boot konnte ich nicht gerade stehen, weil es nicht einmal genügend Platz gab für meine Füße. Neben meinen Füßen saßen Kinder, sie saßen unten im Boot. Ich kann mir nicht vorstellen, was die Kleinen in dem Moment gefühlt und gedacht haben. Ich war schon erwachsen. Ich selbst habe die Entscheidung getroffen, ob ich lebe oder sterbe, das war mein Risiko - im Vergleich zu den Kleinen, die da saßen und keine Entscheidungsfreiheit hatten."

Alaa erfuhr in doppeldeutiger Weise den Sinn der deutschen Redensart und das Motto der Ausstellung: "Wir saßen alle IN EINEM BOOT."

"In den Fluchtbooten trafen sich fremde Menschen und mussten trotz aller Verschiedenheit zusammenhalten. Ob Groß oder Klein, Männer oder Frauen. Unser gemeinsames Ziel das Land zu erreichen, die Sicherheit zu erreichen, das hat uns vereint." 

Mit dem Überlebenswillen einer Gestrandeten plante die junge Syrerin ihr Leben im Gastland und schaut heute stolz als Lehrerin an einer Potsdamer Grundschule zurück auf ihren geglückten Integrationsweg:

"Ich weiß, dass ich viel geschafft habe. Ich habe mein Bestes gegeben, dass ich in Deutschland gut ankomme. Ich habe die Sprache gelernt und viel gearbeitet. Es ist kein Geheimnis, dass meine Familie von mir finanziell abhängig ist. Sie haben keine Jobs, sie haben keine Krankenversicherung."

Mit ihrer stabilen Sozialisierung ("Weil ich schon arbeiten konnte und als Lehrerin gut verdient habe") kann sich Alaa nun auch selbst als Fluchthelferin einbringen, allerdings ganz legal und über den sicheren und schnellen Luftweg. Das Landesaufnahmeprogramm des Landes Brandenburg erlaubt seit 2013 die Aufnahme syrischer Flüchtlinge mit verwandtschaftlichen Beziehungen.

"Das Landesaufnahmeprogramm bietet einen sicheren Hafen - den Flughafen. Mit diesem Programm konnte meine Schwester mit dem Flugzeug einreisen, aber ich musste mich verpflichten, dass ich fünf Jahre lang die volle finanzielle Verantwortung für sie übernehme. Zum Glück ist meine Schwester schlau. Schon nach einem Jahr hat sie eine Arbeit in Essen gefunden und brauchte von mir kein Taschengeld mehr." 

Über ihren Fluchtweg und ihre Ankunft in der deutschen Gesellschaft resümiert Alaa mit einer Zeile aus Hölderlins "Patmos-Hymne":

"Und es ist wahr, Rainer, was du in deinem Flyer geschrieben hast: 'Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch'."

"Meine Reise hat nur 20' gedauert, aber gefühlt war es die längste Reise der Welt"

Duaa Makhali stammt aus Homs in Syrien. "Vor fünf Jahren bin ich mit meiner Familie mit dem Boot über das Mittelmeer nach Europa gekommen."


Duua bestaunt die Rauminstallation von Rainer Gottemeier: "Wenn ich mir die Boote anschaue, geben sie mir Hoffnung auf die Zukunft. Ich habe das Gefühl, dass ich hier sicher bin. Ich fühle mich wohl und habe keine Sorgen."

Im Konzepttext beschreibt der Künstler selbst sein Werk in poetischer Anmutung so:


"Es gibt DA

Maritime Objekte / Rettungsringe / Markierungsbojen

Signalrettungslichter / Rote Schutznetze / Ein Glitzern & Blitzen

Transparente Acrylglasboote

Patchworkästhetik

Gläserne Zerbrechlichkeit / Pulsierendes Licht / Vertikale Leuchtstabbojen

Aquatische Poesie

Horizontblaue Stille.


Wie er zu diesem Projekt gekommen sei, frage ich den Künstler. Frauke Havekost, Vorsitzende von Hand in Hand Potsdam e.V., habe ihn gefragt, ob er zum Thema Integration einen künstlerischen Beitrag machen möchte, und zwar im Iron Roll Flagshipstore auf der belebten Friedrich-Ebert-Straße, an einer Bushaltestelle, wo es reichlich Publikumsverkehr gibt, Kunst spontane Beobachter findet und deren Blick auf die Themen Integration, Inklusion und Vielfalt lenken kann. Die Potsdamer Politikerin steht "für lebendige Räume, die geprägt sind von Kreativität und Miteinander, und das in jedem Kiez" (https://gruene-potsdam.de). Rainer Gottemeier machte sich an die künstlerische Umsetzung der Integrationsthematik. In seinem Konzepttext erklärt er:


"In großen Buchstaben nennt der Ausstellungstitel auf der Fensterscheibe

etwas Elementares.

Es geht um etwas Umfassendes.

Es geht um Koexistenz, um Teilhabe, um Inklusion."


Entgegen seiner sonstigen minimalistischen Stilrichtung entscheidet Gottemeier sich bei diesem Projekt für ein kunterbuntes Flickwerk - "Patchworkästhetik" in seinen Worten - aus farbenfrohen Materialien, wie sie in den arabischen und afrikanischen Herkunftsländern der Flüchtlinge als Strandgut aufgelesen und zu Gebrauchsobjekten weiterverarbeitet werden.

Rainer Gottemeiers lichte und heiter stimmende maritime Rauminstallation IN EINEM BOOT, so erinnert sich Duaa Makhali,

"... ist das Gegenteil von dem, was ich im Meer gesehen habe. Es war dunkel, unsere Angst war noch viel dunkler. Das Meer ist groß. Meine Angst war größer. Ich habe mir Sorgen um meine Kinder gemacht - mehr noch als um mich selbst. Ich habe versucht zu zeigen, dass ich stark bin. Aber meine  Tränen und meine Gebete haben mich verraten. ... Wir haben Rettungswesten angezogen, aber ich wusste nicht, ob diese Weste mich retten kann."

Duaa schildert die mehrfachen gescheiterten Anläufe ihrer Familie, auf dem Landweg nach Europa zu kommen:

Ich war gegen die Reise durch das Meer. Ich hatte Angst vor dem Meer. Wir haben daher viermal versucht durch das Land zu kommen. Wir wollten direkt nach Tessaloniki laufen, aber es hat nie geklappt. Wir wurden immer wieder von der Polizei gefangen genommen und nach Istanbul zurückgebracht.

Auch für Duaa Makhalis Familie war die Bootsfahrt eine gefährlichere Route, aber schließlich auch die Rettung:

"Und deswegen musste ich versuchen, über das Meer zu reisen. ... Wir sind von Antalya in der Türkei in Richtung Kastellorizo [griech. Insel] gefahren. Auf dem Boot waren wir 12 Leute, als Familie waren wir alleine schon fünf. Das Boot war klein. ... Es gab große Wellen und ich kauerte auf dem Boot, die beiden Töchter in meinen Armen. Und dann sind wir gefahren, bis uns die griechische Küstenwache gesehen hat. Wir dachten, wir werden wieder gefangen genommen und zurückgebracht. Aber die Männer, die mit uns auf dem Boot waren, haben meiner kleinen Tochter gesagt: Steh mal auf, wink mal, du bist so süß, vielleicht lassen sie uns weiterfahren. ... Die Küstenwache war wirklich nett. Sie haben Lichter angemacht und uns den Weg im Wasser zum Land gezeigt. Wir sind in einem richtigen Hafen angekommen und auf dem Holzsteg an das Land gestiegen. Für uns war das ein Hafen. Aber für viele Freunde war das Meer ein Grab." 

Beide Frauen wünschen sich anhaltende Aufmerksamkeit der deutschen und zugereisten Bürger*innen für das Schicksal ihrer Landsleute in Syrien: Von Rainer Gottemeiers Schaufenster-Kunst IN EINEM BOOT im Iron Roll Flagship Potsdam erhoffen sie sich das entsprechende Rampenlicht für die Bühne der Flüchtlingsproblematik:

DUAA: "Zu dieser Ausstellung möchte ich sagen: Viele Menschen in Deutschland leben sicher. Es ist gut, dass sie trotzdem Mitgefühl haben für Menschen, die leiden, und versuchen, im Kleinen aufmerksam zu machen und eine Lösung zu finden. Velen Dank, Rainer!" 
ALAA: "Ich kann gut verstehen, dass Deutschland nicht alle Menschen nach Deutschland holen kann. Aber ich wünsche mir, dass reiche Länder die Grenzen weiter aufmachen und menschlicher denken. Ich wünsche mir, dass ich in den Nachrichten nie mehr über ertrunkene Menschen im Mittelmeer lesen und hören muss. Vielen Dank, Rainer, dass du das Thema aufgenommen hast!"

Die Botschaften sind angekommen. Auch in der anschließenden geselligen Runde draußen auf dem Bürgersteig zeigt sich "im Kleinen", wie Duaa sagt, dass Integration gelebte Wirklichkeit in Potsdam sein kann. Oder, mit Rainer Gottemeier gesprochen (Konzepttext):


Es gibt DA einen Rhythmus

Eine Stimmung

Eine Atmosphäre & ein lichthaltiges Objektbild ...


... mit diesen Menschen:

Von oben li nach unten rechts:

Duaa Makhali und Tochter Tajo Dagestani;


Rainer W. Gottemeier & Olaf Kaminski

(die berühmten DDR-Liedermacher der 1970er-Jahre);


Carla Villwock (Vorsitzende BRB Kulturbund e.V.) und Sabine Raetsch (Künstlerin);

Frauke Havekost (Politikerin und Vorsitzende Hand in Hand Potsdam e.V.) und Alexander Wietschel (Potsdamer Beirat für Menschen mit Behinderung); pnn-Redakteur mit Alaa Kassab und Duaa Makhali




*****

Die Rauminstallation IN EINEM BOOT von Rainer W. Gottemeier im "Güldenen Schaufenster" des Iron Roll Flagshipstore ist noch bis zum 18. März 2022 zu sehen. Die Finissage findet am 19. März 2022 statt.


Und dies ist das Programm 2022 des Veranstalters

Im Güldenen Arm & Das Güldene Schaufenster:


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