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Auf Augenhöhe mit den Jugendlichen in Schwielowsee

Aktualisiert: 16. Feb.

Anne Steinberg frisch im Handlungsfeld als Jugendsozialarbeiterin

Der Schwielowsee Ausschuss für Kultur, Schulen, Soziales und Sport (KSA) tagt am 24. Januar 2022 in einer öffentlich-nichtöffentlichen Sitzung im Neubau der Meusebach-Grundschule in Geltow. Ein besonderer Gast ist geladen und stellt sich dem Gremium ohne Umschweife vor:


Kurz-Bio der Jugendsozialarbeiterin

"Hallo, ich bin Anne Steinberg aus Potsdam, 34 Jahre alt, habe vorher in einem Jugendclub in Potsdam gearbeitet und bin und seit dem 1. Januar 2022 Jugendsozialarbeiterin hier in Schwielowsee. Diese Stelle gab's vorher noch nicht. Ist aber dringend nötig, wie ich sehe: Es gibt zum Beispiel kaum Treffpunkte für Jugendliche, in Geltow etwa nur den Jugendraum, den aber auch die Klassen 5 und 6 der Grundschule nutzen können, wenn Stunden ausfallen und sie früher frei haben. Ich arbeite eher mit den 14- bis 18-Jährigen zusammen. In meinen drei Wochen hier vor Ort habe ich schon Kontakte zu vielen Jugendlichen herstellen können, alles coole Leute, und höre ihnen zu, was sie sich in und von ihrer Gemeinde wünschen. Ich habe flexible Arbeitszeiten, bin bis spät am Freitagabend unterwegs und vor allem am Wochenende. Ja, soweit zu mir. Ich freue mich, dass ich hier sein kann!"


Team-Playerin in der Kommune

Anne Steinberg erhält aus der Sitzungsrunde prompt kommunale Vernetzungsangebote: Einladung zur Teilnahme am KSA wie auch an den Ortsbeiratssitzungen. Ihre freudige Zusage zeugt von ihrem wachen Teamgeist. Heidrun Hintze als Ausschussvorsitzende, Kathrin Freundner als Ortsvorsteherin Caputh und Kerstin Hoppe als Bürgermeisterin von Schwielowsee fragen nach ihren Wünschen. Sobald Projekte mit den Jugendlichen gereift seien, werde sie diese in den Gremien vorstellen, dazu die jungen Leute mitbringen und sie zu Wort kommen lassen. Denn diese Zielgruppe, zwar unter TOP Ö7 des KSA geladen, fehlt heute in der Runde. "Nee, warum heute schon? Du bist ja da, wir kommen dann, wenn's konkret wird", hätten ihr die Jugendlichen zugesichert.


Nicht nur auf kommunaler Ebene dringend gewünscht, sondern in Absprache mit dem Landkreis Potsdam-Mittelmark finanziert, erläutert Kerstin Hoppe, sei die Stelle mit der Initiativbewerberin Anne Steinberg besetzt worden. Ihr differenziertes Berufsprofil qualifiziere sie für dieses Handlungsfeld, man traue ihr zu, eigene, zielführende Wege in diesem noch unbeackerten Handlungsfeld zu gehen. Mit einem eigenen Büro im Caputher Bürgerhaus habe sie eine feste - und vor allem wohnliche - Anlaufstelle für ratsuchende Jugendliche.


Die Abgeschiedenheit an der Havel, mit der Schwielowsee als "Staatlich anerkannter Erholungsort" touristisch punktet, führt bei jungen Leuten in der Gemeinde oft zum enttäuschten "Nix los hier". Es nervt sie, auf dem Land zu wohnen, irgendwo draußen rumzuhängen. Wo gibt es Jugendtreffs?

  • Bauwagen und offene Unterstände als Rückzugsorte für Jugendliche sind in der Aussprache schnell vom Tisch. "Ein Bauwagen für mehr als 45 Jugendliche in Caputh?! Eine Illusion!", wirft Anne Steinberg pragmatisch ein.

Und Unterstände, erzählt sie mir später, habe sie in ihrem mecklenburgischen Heimatdorf kennengelernt, an der einzigen Bushaltestelle im Ort mit 40 Häusern, eine mehr als zugige Angelegenheit. Nicht spaßig.

  • Vandalismus von Jugendlichen, wie er schon auf freien Plätzen in der Gemeinde vorgekommen ist, so erinnert Kathrin Freundner, sei bitterernst zu nehmen. Nicht als Straftat , sondern vorbeugend: mit geeigneten Aufenthaltsräumen und vor allem mit der verständigen Vermittlung zwischen Gemeindevorstellungen und jugendlichen Bedürfnissen durch die neue Streetworkerin Anne.

  • Erfolgsnachweis: "Wir müssen als Gemeinde nachweisen, dass bei uns die konkreten Bedingungen für Jugendsozialarbeit vorhanden sind", erinnert die Bürgermeisterin. Und das läuft auch über Erfolgsgeschichten.

Die Messlatte liegt hoch? Nicht für Anne Steinberg!

Wir verabschieden uns beide aus der KSA-Sitzung für ein Anschlussgespräch draußen - mit erhellenden Schnappschüssen in der abendlichen Dunkelheit. Dort draußen verstärkt sich mein Eindruck von einer dynamischen jungen Frau, die mit ansteckendem hellen Lachen und geballter Energie ihre Freude an ihrem Job und dem Umgang mit Menschen zum Ausdruck bringt. Die 34 Lebensjahre sieht man ihr nicht an. Zusammen mit ihrem legeren Outfit, den beiden Piercings im Gesicht und vor allem ihrer unverstellten kommunikativen Art schafft ihr eigenes jugendliches Aussehen einen unmittelbaren Zugang zu ihrer Zielgruppe der 14- bis 18-Jährigen. Sie ist wie eine von ihnen und doch auch eine ausgebildete Fachfrau - mit dem nötigen Weitblick und dem wissenden Vorsprung einer Sozialpädagogin. Wir kommen ins Plaudern. Und finden bald zum Du.


"Meine Prio Nr. 1: Auf Augenhöhe mit den Jugendlichen"

Was wünschen sich die Schwielowseer Jugendlichen?

Anne: Vor allen Dingen keine Polizei, wenn sie sich zum Beispiel in ihrer Freizeit auf dem Sportplatz oder der Skateranlage in Caputh treffen, mit Bierdose in der Hand und Musik aus der Box.

Und natürlich Party machen, chatten und chillen, mit ihrer Musik abhängen. Das wollen sie. Und zwar drinnen, in einem Wohlfühlraum.

Festivals, ja, die auch, zum Beispiel mit Musik und Tanz.

Bei alledem ist mir Partizipation wichtig für sie. Dass sie eigene Ideen entwickeln, ihr eigenes Ding machen. Das stärkt ihr Selbstwertgefühl. Ideen entwickeln, das könnte und möchte ich gar nicht für sie tun. Was ich tun kann, ist Hilfe anbieten bei der Umsetzung ihrer Ideen, der Organisation und Kooperation mit verschiedenen Stellen.


Gibt es denn bisher keinen einzigen geeigneten Rückzugsort in unseren drei Ortsteilen für deine Zielgruppe, die 14- bis 18-Jährigen?

Anne: Doch, ja, in Ferch! In der Burgstraße 1, da gibt es den Jugendraum Ferch. Nur liegt Ferch weit weg von Caputh und Geltow, mit den Öffis besonders abends nicht gut zu erreichen. Das ist nur was für die Fercher Jugend.


Die Mobilität mit öffentlichen Verkehrsmitteln, gerade auch in abgelegenen Gegenden in Potsdam-Mittelmark, ist Aufgabe des Landkreises. Gerade tobt der Wahlkampf für den Landrat in PM. Hans-Peter Goetz aus Teltow ist einer der Kandidaten, den kannst du gern ansprechen, wenn er am 6. Februar 2022 gewählt wird. Ich werde ihn interviewen und darüber bloggen.


Anne: Gute Idee! Und der Jugendraum Ferch ist total cool eingerichtet! Schau mal, hier:



Anne zeigt mir ein Video aus ihrem Instagram-Konto mja_schwielowsee.

Ich sehe und staune über gepolsterte Bänke und Liegelandschaften, TV, Darts, Kicker- und Billardtische, Küchenzeile und Geräte, WCs, Licht, warme Farben, helle und offene Räume, blitzblankes Ambiente.


Wer hat den Schlüssel zum Jugendraum?

Anne (lacht): Ich natürlich. Ich schließe auf und ab. Geöffnet ist mittwochs und donnerstags von 18 bis 20 Uhr, freitags bis 22 Uhr.

Wie - und am Wochenende kein Zutritt zum Partyraum?

Anne: Nun ja, erstmal nicht. Denn am Wochenende bin ich ja unterwegs zu den Plätzen, wo sich die Jugendlichen draußen treffen, bisher vor allem in Caputh. Kontaktaufnahme, Beziehung aufbauen. Das ist so wichtig. Nur auf Augenhöhe kann ich ihr Vertrauen gewinnen. Und dann auf ihre Wünsche und Sorgen eingehen. Nur so können sie meine Hilfsangebote überhaupt annehmen. Gar nicht so einfach bis jetzt, 45 Jugendliche und ihre individuellen Geschichten im Kopf zu haben.


"Ich kann mir bei Anne Tipps und Tricks abholen"

Außer für ihre Freizeitgestaltung - welche "Tipps und Tricks" hast du für junge Leute sonst noch im Angebot?


Anne: Ich bin ja zur Zeit mit Jugendlichen im Gespräch, die jetzt fast alle auf der Abi-Schiene sind. Da kann ich mit ihnen darüber sprechen, was nach dem Schulabschluss kommt: Bewerbungsschreiben, Lebenslauf, Vorstellungsgespräch.

Oder auch sie für die Immatrikulation an der Uni oder Fachhochschule fit machen, ein Bankkonto anlegen helfen, solche Sachen eben.




Also ganz konkrete pragmatische Dinge des Alltags.

Anne: Ja, aber nicht nur. Dann haben Jugendliche auch noch Probleme mit sich selbst, mit Eltern, Freunden und in der Schule.

Du bist auch Lifestyle Coach?!

Anne (wehrt amüsiert ab): Weniger. Für mich ist zunächst aktives Zuhören wichtig und dann habe ich ja im Studium selbst verschiedene "Tipps und Tricks" kennengelernt, um weiterzuhelfen.


Annes Patchwork-Lebenslauf

Stichwort 'Studium'. Hinter deiner lockeren Art vermute ich eine solide Berufsausbildung und - ja, mit 34 Jahren - auch eine ordentliche Portion Lebenserfahrung.

Anne (verschmitzt): Genau. Ich fange mal von hinten an. Ich habe Sozialarbeit studiert, an der Fachhochschule Potsdam. Allerdings nicht in der Regelstudienzeit, sondern mit doppelt so vielen Semestern. Warum? Ich war engagiert im Casino, das ist eine Studentenkneipe an der Fachhochschule Potsdam, rein ehrenamtlich, täglich, vier Jahre lang, das war wie Jugendsozialarbeit, nur mit Erwachsenen.


Ohne BAföG musste ich aber auch noch Geld fürs Studium verdienen. Das hab ich an der Kasse von Kaufland gemacht. Und da hab ich nicht nur kassiert, sondern weiter Sozialarbeit mit Menschen gemacht, so viele Geschichten gehört, die hätte ich aufschreiben sollen, zum Beispiel von der Oma, die schließlich dreimal am Tag kam, um zu quatschen (lächelt im Rückblick). Ich hatte 'ne Menge Spaß an der Kasse! Aber - es gibt auch Menschen, die dir den Spaß nehmen. Nur - ich bin schwer zur Weißglut zu bringen! Das hilft in meinem Job.


Ach ja, und dann (zwinkert schelmisch) - ich zähle ja schon 34 Jahre - hatte ich ja vor dem Studium bereits eine abgeschlossene Ausbildung als Einzelhandelskauffrau.


Wann kam deine persönliche Wende, dass du dich doch noch beruflich verändern wolltest?

Anne: Im Kaufland! ich wollte nicht immer auf der Fläche stehen. Bleiben. Sondern mich bewegen. Und andere auch. In der Interaktion mit Menschen. Das ist mein Ding!


*****

Ich löse mich ungern aus diesem anregenden Gespräch mit Schwielowsees Erster Jugendsozialarbeiterin. Beziehungsarbeit leisten, Freizeit gestalten, problembelastete Zielgruppen unterstützen, Persönlichkeitsentwicklung fördern, Lebensperspektiven aufbauen - das sind Anne Steinbergs ambitionierte Vorhaben. Gemeinschaftlich mit den Jugendlichen in unserer Gemeinde will sie dies angehen. Schulter an Schulter. Support auf Gegenseitigkeit. So innovativ wie ihre Dienststelle an diesem Standort ist auch ihre sozialpädagogische Ader. Nicht nur die jungen Schwielowseer dürfen gespannt sein!



Viel Glück und Gewinn
für alle Seiten bei deiner Jugendsozialarbeit,
liebe Anne Steinberg!

Wie erfrischend, dass
in diesen virologisch wirren Zeiten
infektiös
auch ein Lächeln sein kann!


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