Suche
  • Hilda Steinkamp

Asiatische Striche mit dem Pinsel und deutsche Kunst am Buch

Im Atelier Pro Arte in Caputh eröffnet Siegrid Müller-Holtz mit Sooki ihre gemeinsame Ausstellung SEH-STÜCKE


"Tauchen Sie ein in die Bilderwelten beider Künstlerinnen,

die gegensätzlicher nicht sein können!"

So lockt Malerin Siegrid Müller-Holtz am Ende ihrer Begrüßungsrede die Besucher von der Terrasse und Wiese ihres Gartens in die Ausstellungsräume ihres Ateliers an der Havel. Als Teamplayer an ihrer Seite, zur aktuellen Doppelausstellung wie auf zahlreichen Kunstereig-nissen in Südkorea, China und Berlin: Sooki, Südkoreanerin von Geburt, Berlinerin aus freien Stücken seit 1984.

Am 8. August 2021 steht das Hoftor zur Weinbergstraße 20 wie auch das Gartentor zur Havel-Promenade geladenen Gästen und Zufallsbesuchern auf ihrem sonntäglichen Ufergang offen. Und sie strömen herein: aus Schwielowsee, Potsdam und Berlin.


Der Rahmen ist stimmig:


Rasch ziehende Wolken am August-himmel, die den drohenden Regen vertreiben,


freudige Begrüßungen, angeregte Gesprächsrunden auf schattigen Wiesenplätzen,


Catering vom Gartentisch - mit der Familie der Gastgeber Siegrid und Ruprecht Müller-Holtz: Tochter Eva und den Enkelinnen Luisa und Marlene



und Klänge vom E-Piano und den geschwinden Händen von Mi-Youn Mathilde, der Tochter der Künstlerin

Youn-Sook Koeppel und ihres Ehemanns Matthias Koeppel.





Auch befreundete Künstlerpaare aus der Gemeinde finden sich ein: Sabine Braun und Siegfried Gwosdz vom Atelier Pinselinsel in Geltow, Melanie und Johannes Haape aus der Schlossgalerie Haape in Caputh.


Und aus Berlin kommen zwei Freunde der Pianistin Mathilde und der Künstlerin Siegrid: Marin und Ariane. Die GALA-Redaktion hatte ihre Chance ... Verpasst! Blogger sind näher dran - räumlich und zeitlich!


"Kultur verbindet, kann Verschiedenheiten überbrücken", sagt Marin mit Wurzeln in Kroatien und in treffsicherem Deutsch aus seiner eigenen Erfahrung auf zwei kultu-rel-len Planeten. Und als Musiker weiß er um den Unterschied, zum Beispiel "Chopin zu spielen, weil man Geld ver-dienen will oder weil man seine Kunst liebt."


Ich fühle mich eingestimmt auf das anstehende Kunsterlebnis und begebe mich ins Innere des Ateliers.


Sooki am Maltisch lässt uns live erleben, dass Kalligrafie mehr ist als schönes Schreiben und Illustrationskunst. "Kalligrafie für mich? Das ist Inspiration, um Sorgen loszuwerden", bekennt sie. Sie legt ihre Malutensilien zurecht: Papier, Gewichte, Pinsel, Tusche, Wasser.

Was schreibt sie da? Links Chinesisch, rechts Koreanisch: "Ieodo - da möchten wir gern hingehen." Nach einer koreanischen Legende ist Ieodo ein mythisches Land, in dem die Seelen der Seeleute leben, die im Meer verschollen sind. Ein Sehnsuchtsort für Künstler. Und realer Konfliktstoff für Politiker: Ein untermeerisches Riff im Ostchinesischen Meer gilt als topographischer Ort dieses Mythos, China und Südkorea erheben gleichermaßen Territorialansprüche.


Mit ihrer Kalligrafie auf hochformatigen Rollbildern aus Reispapier in Zimmerhöhe setzt Sooki eine uralte Tradition der chinesischen und japanischen Kunst aus dem 11. Jahrhundert fort. Auf diesem Exemplar im Atelier hält sie einen allgemein bekannten Sinnspruch fest: "Reden ist Silber, Schweigen ist Gold". Laotse, Altmeister der chinesischen Philosophie, war drastischer in seiner Formulierung, übersetzt Sooki: "Wer wenig Wissen hat, soll nicht so laut sprechen." Recht hat er!


Diesmal schreibt die Künstlerin neben Chinesisch und Koreanisch auch in Deutsch (null). Dreisprachig-keit war die Bedingung eines Wettbewerbs 2019, an dem Sooki teilnahm und den sie gewann. In der kürzeren senkrechten Zeile links signiert die Künstlerin und setzt das Datum im Chinesischen Kalender dazu: "2019, im Jahr des Schweins" - Symbol für Glück, Reichtum und Wohlstand.



Ihren zweisprachigen Gedichtband von 2009 hat Sooki "Heimat in der Ferne" betitelt. Und so ist auch ihre Kunst in beiden Welten verankert. Kontrastiv westlich hängt vis-à-vis ihrer fernöstlichen Kalligrafie eine Ostereier-Collage: "Ostern ist wieder da!" Hier hat sie alltagspragmatisch die geleerten halben Schalen gekochter Eier vom Frühstückstisch geräumt und künstlerisch veredelt: mit botanischen "Mini-Installationen" farblich bereichert. Auch dies das innovative Produkt eines Wettbewerbs.


1984 verließ Sooki ihre Heimatstadt Seoul und setzte ihr Kunststudium in Berlin fort. Berlin wurde ihre zweite "Heimat in der Ferne", hier gründete sie 1995 ihre Familie mit Matthias Koeppel, damals Professor für Freies Malen und Zeichnen an der TU, hier wurde 1996 ihre Tochter Mi-Youn Mathilde geboren. Seitdem liefert ihr Berlin Motive für Malerei pleinair und Poesie:

Berlin


Berlin ist eine Metropole,

doch mein Kiez ist wie ein Dorf.

Hier kenne ich die Leute

und lerne neue kennen.


Hier lebe ich gerne.

Die unsichtbare Ost-Westgrenze,

die es immer noch gibt,

spielt hier keine Rolle mehr.


[...]

Aus: Youn-Sook Koeppel, Heimat in der Ferne, Berlin 2009, S. 96.



Auf anderen Lebenswegen gelangte Siegrid Müller-Holtz in den Osten: Geboren in Stralsund, aufgewachsen in Krefeld am Niederrhein, Studium der Kunsterziehung in Münster. Dann schafft sie 1971 den Sprung nach Westberlin, zunächst als Pädagogin im Schuldienst, seit 1989 als freischaffende Künstlerin.


"1993 hatten wir unglaubliches Glück", setzt ihr Mann Ruprecht die gemeinsame Vita fort, "als wir dieses Grundstück an der Havel entdeckten - und kaufen konnten. Das alte Wohnhaus noch voller Mietparteien, die sich ein einziges WC teilten. Wir waren anspruchslos und geduldig, campierten in einer Laube auf dem Grundstück". Pause im Gespräch, Cut im Familienfilm. "Schließlich wurde das Haus leer und wir bauten an - fürs Atelier und ein geräumiges Wohnzimmer." Ein Haus mit Seeblick! Auch wenn dies an der Schmalstelle der Havel gelegen ist.


SEH-Stück - SEE-Stücke, das Motto dieser Ausstellung. Wie treffend, dieser Gleichklang! Ansehnlich, die Arbeiten von Sooki! Und es gibt noch mehr zu sehen:


Upcycling - die Buchskulpturen von Siegrid Müller-Holtz

Siegrid experimentiert mit Büchern, "mit ausrangierten alten Büchern", Poesiealben, Tagebüchern, Fachbüchern. "Antiquarische Bücher mit vergilbten Seiten, Stockflecken haben für mich einen besonderen Reiz". In der künstlerischen Transformation - will heißen: es "werden je nach Schwere des Papiers bis zu 500 Seiten oder mehr gefaltet" - wachsen die Seiten zu einer Skulptur zusammen. "Eingearbeitete Collageelemente, Wort- und Papierfetzen farblich gestaltet, setzen Akzente".


Wie kam sie auf diese Idee? Mit mehrfachen Impulsen: Im Zeitalter der Digitalisierung droht das Buch an Wert zu verlieren. Die Künstlerin drängte nach Formen der Wiederverwertung und Aufwertung. Auf der Suche nach neuen Ausdrucksformen lernte sie dann 2007 in einem Werkstattkurs in Wolfenbüttel zum Thema "Upcycling - Das Buch als Medium zeitgenössi-scher Kunst" Techniken kennen, wie Bücher in eine andere Gestalt und damit in eine andere, ungewöhnliche und nachhaltige Ausdrucksform gebracht werden können. Upcycling eben!


"Unter meinen Händen verwandelt sich das Medium BUCH in eine bildnerisch-künstlerische Formensprache mit narrativem Charakter."


Die Buchskulptur erzählt eine Geschichte?!



Diese Skulptur zum Beispiel ist mehr als ein Buch mit Lebensmittelkunde und Kochanleitungen. Es erzählt von gelebter Kochkunst. Dort, wo Lesezeichen mit Notizen oder Abbildungen aus den gefalteten Seiten oben hervorlugen, geht es längst nicht mehr um Schritt-für-Schritt-Rezepturen, wie etwa Saucen mit Mehl binden. Der Bildraum umgibt gelungene Kocherfahrungen. Kochen und Essen als Gemeinschaftserfahrung - als gesellschaftliches Bindemittel.


Sinnes-Wechsel

Hinaus in den Garten: Mathilde Koeppel, Studentin an der Universität der Künste in Berlin und Komponistin, spielt für uns eine zum 80. Geburtstag ihres Vaters Matthias komponierte Hymne. Wir lauschen und entspannen mit satten SEE-/SEH-Eindrücken. Und ich verlasse diesen frohen Ort, einigermaßen SEH-tüchtig geworden.



Ausblick

Die Ausstellung SEH-STÜCKE ist bis zum 5. September 2021 geöffnet, samstags bis montags, von 11 bis 18 Uhr und nach Vereinbarung. Zutritt von der Weinbergstraße 20 oder von der Havelpromenade.

Sookis Arbeiten sind danach in ihrem Atelier in Berlin zu sehen, Wittelsbacherstraße 28, 10707 Berlin.

Das Atelier Pro Arte nimmt auch an den Tagen des Offenen Ateliers teil: Sa/So, 21./22. August 2021, 11- 18 Uhr. Es ist auch Station auf der 14. Kunsttour Caputh 2021: Sa/So, 28./29. August und 4./5. September 2021, 12 - 18 Uhr.



99 Ansichten

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen